Der Wolf in Bayern – Schutzmaßnahmen nicht praktikabel

Gedanken zu einem von vielen Zeitungsberichten über aktuelle Risse in Bayern

Ist jeder Wolf eine Meldung wert?

Es ist immer eine Gradwanderung: ist jeder Hinweis auf einen Wolf auch

Schutzmaßnahmen vor dem Wolf

(Bild: Gehegeaufnahme Tierfreigelände Neuschönau, R. Simonis)

eine Meldung wert? Zunächst möchte man meinen: Ja. In Regionen in denen bislang keine Wölfe auftauchten (bzw. sich bemerkbar gemacht haben) ist es immer eine kleine Sensation. Artenschützer freuen sich über die Rückkehr, Tierhalter fühlen sich überrumpelt und alleingelassen, die Bevölkerung ist teils verunsichert, ob er auch Auswirkungen auf ihr Leben haben könnte. All dies hat seinen Grund und Berechtigung. Andererseits: es ist wenig überraschend, dass sich Wölfe auch in Bayern niederlassen, dass Einzeltiere das Land durchwandern und dass sich die Meldungen dieses Jahr häufen. Nicht jeder Wolfsmeldung ist mit toten Weidetieren verbunden. Dennoch ist es gerade in den Anfangszeiten von Wolfs-Neubesiedelungen wichtig die Gesamtbevölkerung (aber auch immernoch Weidetierhalter) zu sensibilisieren, dass dies passieren kann.

Auf all die Befürchtungen, Sorgen, Halbwahrheiten jeglicher Couleur, Theorien und Weissagungen möchten wir hier nicht weiter eingehen. Aber vielleicht können wir ein wenig Hilfestellung zum eigenen Einholen von Informationen geben.

Die Berichterstattungen dient welchem Zweck?

Anlass hat uns einer der vielen Zeitungsartikel gegeben. Hierin wird beschrieben wie sich ein Mitglied des bayer. Landtages (MdL) vor Ort über einen Rissvorfall informierte. Das begrüßen wir sehr. Leider werden Schwierigkeiten in der Weidetierhaltung erst politisch wahrgenommen und (publikumswirksam) aufbereitet, wenn der schlimmste Fall eingetreten ist. Auch die Berichterstattung und Wortwahl manch eines Journalisten lässt fachliche Sachlichkeit vermissen. Nun gut, der Vorwurf wird wohl immer von irgendeiner Seite gemacht.

Wölfe in Bayern. Mit ihrer Wiederkehr wird auch die Diskussion um das Vorgehen bei “Problemfällen” lauter. (Foto: R. Simonis)

In diesem Artikel wird ein Fass nach dem anderen geöffnet. Von todbringendem Räuber (Wolf) ist die Rede, die Zukunft der Almwirtschaft stünde mittelfristig vor dem Aus und damit ein Stützpfeiler des bayerischen Tourismuskonzeptes. Das Verhalten aller Raubtiere bringt es mit sich, dass sie töten um sich zu ernähren. Die Almwirtschaft steht tatsächlich – neben vielen anderen Baustellen – mit der Anwesenheit von Raubtieren vor einem großen Stück Arbeit. Ob und inwieweit das den Tourismus beeinflusst bleibt abzuwarten. ( Hierzu beispielweise das Gutachten der BoKu Wien  in dem es u.a. um das Freizeitverhalten geht: https://boku.ac.at/fileadmin/data/H03000/H83000/H83200/Publikationen/BOKU_Berichte_zur_Wildtierforschung_23.pdf)   Beides wird selbst mit dauerhaft anwesenden Wölfen nicht vor dem endgültigen Aus stehen. Ohne Frage werden sich andere Umstände auftun, die angegangen werden müssen.

„Weideschutz muss zumutbar und praktikabel sein“

Wir hoffen, dass aus vor Ort Terminen der Politik auch Umsetzungen für die Weidetierhalter erfolgen. Im Artikel ist die Rede davon, dass die Weideschutzkommission Schutzmaßnahmen beim betroffenen Schafhalter für nicht praktikabel hält. Wer ist diese Weidetierkommission und nach welchen Kriterien entscheidet sie? Wir stimmen dem zu: Weideschutz muss zumutbar und praktikabel sein. Aber nach welchen Kriterien? Mit hohen Summen und großem Einsatz kann fast überall Herdenschutz umgesetzt werden. Die Frage ist nur bis zu welchem Punkt (in erster Linie vermutlich eine Frage des Geldes) man gehen will.

Der betroffenen Tierhalter informierte laut Zeitungsbericht darüber, dass für seine Flächen ein bis zu 20.000 € teurer 140cm hoher Schutzzaun mit permanenter Stromführung gebaut werden müsse. Dieser müsse auf Grund der Schneelast im Winter abgebaut werden, im Frühjahr wieder aufgebaut werden. Wie der derzeitige Zaun aussieht geht aus dem Artikel nicht hervor.

Zweifelsohne ist das ein hoher Aufwand. Ist das ein Grund die Zäunung als unpraktikabel einzustufen? Was bedeutet das de facto für die Weidetiere? Werden sie weiterhin auf diese Flächen aufgetrieben besteht die hohe Wahrscheinlichkeit wieder Opfer eines Angriffes zu werden, vielleicht haben sie Glück, bei dem Wolf handelt es ich um einen Durchzügler und er taucht nicht wieder auf. Vielleicht aber auch nicht. Das ist tragisch für Tier und Halter. Und Wolf.

Abschuss der Wölfe schützt nicht vor neuen Rissen

Durch diese Einstufung „unschützbarer“ Weidegebiete erhofft man sich eine leichtere Genehmigung zum Abschuss des verursachenden Wolfes.  Ja, ein toter Wolf richten schonmal keinen Schaden mehr an. Zieht er weiter, dann gelingt ihm der Riss an einer Herde 50 Kilometer entfernt. Gelernt hat er da bereits möglicherweise: Schaf ist leichte Beute. Das als unschützbar eingestufte Gebiet, bleibt weitestgehend ungeschützt und der nächste Wolf hat wieder leichtes Spiel. Weder dem Schafhalter noch den Schafen ist damit geholfen. Gleiches passiert, wenn Wolf Nummer 1 in der Region bleibt und tatsächlich getötet werden sollte. Es ist eine Frage der Zeit, bis es einem Nachfolger auffällt, dass Weidetiere ohne Hindernisse leicht erbeutet werden können. Wölfe töten ist kein Herdenschutz. Der Managementplan sieht bereits jetzt vor, dass für uns problematische Wölfe getötet werden können. Und zum Wohle der Bevölkerung, aller anderen Wölfe und (nach bestmöglichen zuvor erfolgten Schutzmaßnahmen) auch der Weidetiere steht nichts dagegen.

Die Einstufung „unpraktikabler Herdenschutz“ darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Weidetierhalter vor einem ernsten Problem stehen und ihnen im Zweifel nicht damit geholfen ist, wenn sie in einem derartigen Gebiet ihre Tiere auftreiben. Vielmehr muss die Forderung sein bei Umsetzungen des Herdenschutzes alles in Bewegung zu setzen.

Herdenschutzhunde sind nicht ohne

Ein Herdenschutzhund (HSH) kostet 1000€ Unterhalt pro Jahr berichtet der

Portrait of Maremma Sheepdog, Shepherd dog Maremmano Abruzzese.

Schafhalter dem MdL. Tatsächlich ist das wohl sogar niedrig gerechnet. Nach unserer Info von HSH Haltern liegen die Unkosten (Futter, Tierarzt, Versicherung etc.) höher. Nicht jeder Herdenschutzhund fällt in die Kategorie Kampfhund, für die Haltung dieser Hunde muss ohnehin eine Sondergenehmigung erfolgen. Damit ist ein Sachkundenachweis zwar sinnvoll und in Bayern auch in Planung. Notwendig ist er aber bislang nicht. Dass ein HSH erst ab einer Herdengröße von 50 Weidetieren sinnvoll ist, stimmt so nicht. Sinnvoll im Sinne des Herdenschutzes ist er immer, wenn er seine Herde beschützt, egal wie viele Tiere. Sinnvoll im Sinne einer Wirtschaftlichkeit ist der Einsatz vermutlich erst mit zunehmende Stückzahl oder Wert der Tiere. Es ist immer der Einsatz von min. 2 Hunden empfohlen.

Die Bedenken des Schafhalters bei der Haltung von Herdenschutzhunden bezüglich Unterbringung/Beschäftigung im Winter, Umgang mit Wanderern oder anderen Weidetieren sind nicht von der Hand zu weisen. Auch muss der Halter mit dieser Art Hunde umgehen können und wollen.

Gehört werden müssen auch die Begleiterscheinungen bei Verlusten der Tiere. Die Ausgleichszahlung ersetzt nicht unmittelbar ein Tier, wenn Lieferverträge erfüllt werden müssen. Das gleiche Problem hat der Schafhalter, wenn Tiere unerwartet (Unfall, Krankheit) eingehen.

Wer definiert `geeigneten Lebensraum`?

(Wir müssen das Wort jetzt leider gebrauchen:) Unerträglich ist die Laier des MdL, dass Wölfe im eng besiedelten Tourismusgebiet keinen artgerechten Lebensraum hätten. Das sehen die Wölfe merkbar anders. „Die Diskussion leide unter falsch verstandener Natur- und Tierliebe“, wird der MdL zitiert. Würde ein Pferd gerissen, könne sich der Wind schnell drehen. Davon können wir uns distanzieren. Ein gerissenes Tier ist für jeden Tierbesitzer schlimm, auch wenn der Bezug zu einem von 100 Schafen anders sein mag, als zu einem Familien-Pferd. In der Sache des Herdenschutzes darf es da keine Unterscheidung geben. Den jede Weide an der ein Wolf lernt, dass es für ihn hier nichts zu suchen gibt, ist ein Gewinn für alle Weidetierhalter.

Anders denken!

„Think out of the box“. Niemand sagt, dass bestehende Weidesysteme, Nutzungsformen, Nutzungsrechte etc. etc. bestehen bleiben müssen. Eine Umgestaltung ist mühsam und aufwendig. Und in manchen Bereichen wird man an den Punkt kommen, dass es eben nicht mehr sinnvoll ist. Was sind die Kriterien dafür? Auch die Weideschutzkommission wird sich an Faktoren zur Umsetzung orientieren. Wie lauten diese? Wer legt sie fest? Wir haken dazu nochmal bei den zuständigen Ämtern nach. Bislang haben wir nichts ausführliches schriftliches dazu finden können. Fortsetzung folgt…


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Comments

  • Dr. Peter Herold sagt:

    Liebe Frau Morbach,

    vielen Dank für diesen sehr klugen und guten Kommentar! Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht, dass der Leiter der Weideschutzkommissiion, Dr. Christian Mendel, selber Schafzüchter und definitv kein Freund des Wolfs ist. Ob er, was die technischen Möglichkeiten des Herdenschutzes angeht, tatsächlich auf dem Laufenden ist, kann ich nicht beurteilen. Da habe ich aber meine Zweifel, nachdem ich gestern diesen Bericht hier im BR gesehen habe:

    https://www.br.de/mediathek/video/die-woelfe-kommen-alarm-bei-schafhaltern-im-chiemgau-av:5f25d0954f1a7d001bb0c888?fbclid=IwAR3aw3d3c6BMCAB3PXWD6IcsvgER3giVWj-712DFqyJ8BbTPExfqLsgaOxQ

    Ich maße mir sicher nicht an, vom Schreibtisch aus ein Urteil zu fällen, ob die dort besichtigten Flächen nun schützbar sind oder nicht. Aber Sie haben zu dem Thema schon das Richtige geschrieben: es ist eine Frage, wieviel man aufwenden möchte – machbar ist fast alles. Allerdings kann ich zu zwei Aspekten in dem kurzen Film schon vom Schreibtisch aus sagen, dass dort definitiv ein falsches Urteil von der Kommission gefällt wurde: ein Bach, der den Zaun unterquert, kann selbstverständlich wolfsabweisend ausgezäunt werden, dafür gibt es inzwischen spezielle Sets verschiedener Hersteller von Zaunmaterial. Und eine Weide, die bis an den Hangfuß eines Steilhanges reicht, kann ebenfalls wolfsabweisend gezäunt werden – in dem man mit dem Zaun ein Stück vom Hang wegbleibt. Allerdings bekommt man in dem Fall u.U. Schwierigkeiten mit der Agrarverwaltung bei einer CC-Kontrolle, weil man nicht die gesamte Fläche beweidet. Hier liegt, wie auch beim Einsatz von HSH und bei vielem anderem, das Problem aber nicht in der Sache, sondern in den in Zeiten des Wolfs nicht mehr umsetzbaren Gesetzen und Verordnungen.
    Und genau hier müssten die Weidetierhalterverbände, egal ob Schaf- oder Ziegenzuchtverband, Rinder- oder Pferdezuchthverband, ansetzen: dass die notwenidgen Änderungen in diversen Gesetzen und Verordnungen, vom Baurecht für Zäune, über die Bruttoflächenregelung beim gemeinsamen Antrag, bis hin zum Bundeswasserstraßengesetz (dass die Zäunung parallel zum Gewässer bei Wasserstraßen 1. Ordnung untersagt)und noch manches mehr, endlich angegangen und umgesetzt werden. Statt dessen üben sie sich in Total-Opposition, schwadronieren davon, dass der Wolf die Weidetierhaltung, die Almwirtschaft, ja die gesamte Landwirtschaft gefährde. Tatsächlich ist nicht der Wolf das Problem, sondern die seit Jahrzehnten völlig verfehlte Agrarpolitik meist derselben Herren (und wenigen Damen), die diese Probleme nun dankend dem Wolf versuchen aufzubürden, um so von ihrer eigenen Unfähigkeit und Unwilligkeit abzulenken, einen Wandel weg von der Agrarindustrie und hin zu einer nachhaltigen Landwirtschaft zu bewerkstelligen. Leute wie der im besprochenen Artikel erwähnte CSU-Abgeordnete bzw. deren Ansichten und fachlich meist wenig fundierte Meinungen sind in Wirklichkeit das Problem – nicht der Wolf! Die Almwirtschaft macht das vielleicht am besten deutlich: seit der Wolf in die Schweiz zurückgekehrt ist und man umfangreiche Bemühungen zum Herdenschutz umgesetzt hat (und die Bayern müssten einfach nur die Erkenntnisse und Maßnahmen der Schweizer übernehmen und umsetzen), ist die Zahl der jährlich während der Sömmerung verlustig gehenden Tiere drastisch zurück gegangen. Und obwohl der Wolf für einen kleinen Teil der immer noch auf der Strecke belibenden Tiere verantwortlich ist – und jeder Nutztierriss ist einer zuviel und sollte durch angepasste Herdenschutzmaßnahmen verhindert werden – ist die Bilanz der Tierverluste unterm Strich deutlich positiver als vor der Rückkehr der Wölfe. D.h., die Rückkehr der Wölfe hat hier einen fördernden Effekt. Das hat sich aber scheinbar noch nicht bis in die CSU herumgesprochen …

    Mit freundlichen Grüßen,

    Dr. Peter Herold

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