Umweltministerkonferenz (November 2023): Einstimmige Änderung Praxisleitfaden Wolf

von Franziska Baur

Eurasischer Grauwolf (R. Simonis)

 

Bundesumweltministerin Lemke hat der Prozess zu einer Abschussgenehmigung bisher zu lange gedauert – nun soll der Verwaltungsaufwand reduziert werden. Die Bundesländer selbst sollen jetzt bestimmte Regionen mit vermehrten Rissen durch Wölfe festlegen. Künftig darf nach einem dortigen Riss eines Weidetieres 21 Tage lang auf Wölfe geschossen werden, die sich im Umkreis von 1.000 Metern von einer Rissstelle aufhalten. Anders als bisher, müsse dafür nicht das Ergebnis einer DNA-Analyse abgewartet werden. Diese Schnellabschüsse seien unbürokratisch und praktikabel umsetzbar. Langwierige Gesetzesänderungen auf nationaler oder europäischer Ebene seien dafür nicht nötig. Mit dieser Lösung soll den Sorgen der betroffenen Weidetierhalter*innen Rechnung getragen werden, ihnen mehr Schutz und Sicherheit gegeben und ein wichtiges Signal der Versöhnung ausgesendet werden. Die Umweltminister hoffen, auf diese Weise eine Balance von Wildtier- und Weidetierschutz zu schaffen.

 

Über diese Neuregelung wird sich vermutlich besonders die bayerische Staatsregierung freuen: Seit 1. Mai 2023 regelte diese den Umgang mit einer eigenen Wolfsverordnung. Neben einer spezifischeren Auslegung der Gefährdungen für den Menschen, ermöglicht die Verordnung dem Landratsamt eine Abschusserlaubnis zu erteilen, wenn es die Gesundheit des Menschen oder die öffentliche Sicherheit gefährdet sieht – etwa, wenn Wölfe sich mehrfach Menschen auf unter 30 Meter nähern oder wenn sie über mehrere Tage in einem Umkreis von weniger als 200 Metern von geschlossenen Ortschaften, Gebäuden oder Stallungen gesehen werden. Möglich ist der Abschuss nun auch “zur Abwendung ernster landwirtschaftlicher oder sonstiger ernster wirtschaftlicher Schäden” – dies zielt konkret auf die Alm- und Weidewirtschaft in den Bergen. Dort können Wölfe geschossen werden, wenn sie in “nicht schützbaren Weidegebieten” ein einziges Nutztier töten. Das sind Gebiete, “bei denen ein Herdenschutz entweder nicht möglich oder nicht zumutbar ist”. Die Landratsämter können über den Abschuss selbstständig entscheiden. Bislang waren dafür die Bezirksregierungen zuständig.

 

Sowohl die Neuregelung des Praxisleitfadens Wolf als auch die bayerische Wolfsverordnung muss jedoch mit geltendem Bundes- sowie EU-Recht vereinbar sein. Ein Gutachten des wissenschaftlichen Diensts des Bundestags bezweifelt, dass Wölfe getötet werden können, obwohl erfolgte Schäden an Weidetieren diesen nicht eindeutig zugeordnet wurden oder werden können. Das von der Bundestagsfraktion der FDP in Auftrag gegebene 16-seitige Gutachten macht außerdem geltend, dass der Europäische Gerichtshof den Abschuss nur unter sehr strengen Auflagen erlaube. Darum dürfte eine letale Entnahme nach nur einem Riss mit den unionsrechtlichen Artenschutzvorgaben und dem Bundesnaturschutzgesetz grundsätzlich nicht vereinbar sein.

 

Desweiteren ist aus wissenschaftlicher Sicht eine willkürliche Entnahme nicht als effektives Mittel gegen Nutztierrisse geeignet. Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie reduziert eine laxere Gesetzgebung bezüglich der Wolfsjagd nicht das Rissrisiko. Es wurde analysiert, wie sich die saisonale Wolfsbejagung in der Slowakei auf die Anzahl an Weidetierverlusten ausgewirkt hat. Der statistischen Auswertung zufolge, gibt es keinen Zusammenhang zwischen der Anzahl an gerissenen Weidetieren und der Anzahl an geschossenen Wölfen in der Vorjahressaison. In der Slowakei ist der Wolf dem Artikel V der FFH-Richtlinie zugeordnet und unterliegt dem Jagdrecht. Im betrachteten Zeitraum wurden Wölfe aufgrund eines damals geltenden Gesetzes in den Wintermonaten quotenmäßig bejagt. Zwar hatte diese Bejagung keinen Effekt auf die Nutztierrisse, doch es konnte ein anderer Zusammenhang festgestellt werden. Demnach nahmen die Übergriffe der Wölfe auf Schafe und Rinder zu, wenn deren natürlichen Beutetiere wie Rehe und Wildschweine seltener wurden. Insgesamt machten Nutztiere mit 0,5% jedoch nur einen geringen Anteil der Wolfsnahrung aus. Gleichzeitig empfehlen die Wissenschaftler die weitläufige Anwendung und Unterstützung von Maßnahmen wie Herdenschutzhunden oder Zäunen, um die Koexistenz von Wölfen und Viehzüchtern zu erleichtern. Die Studie wurde im Fachjournal „Conservation Letters“ veröffentlicht.

 

Foto: R. Simonis (Nationalpark Bayerischer Wald)


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Auf den Spuren der Lausitzer Wölfe

Von Franziska Baur

Im kalten Monat Februar fanden sich Naturschutz-Aktive – insbesondere solch besonderen Vertreter der Spezies Homo sapiens, die sich beruflich mit Thema Wolf beschäftigen – im Spreetal in der Lausitz zu einem Wolfseminar zusammen. Veranstalter waren die Gesellschaft zum Schutz der Wölfe e.V., das Ökobüro OPUS GmbH und wolfland tours. Das Seminar war Bestandteil eines größeren Projekts, das durch gezielte Aus- und Fortbildungen Multiplikator*innen zum Themenkomplex Wolf ausbildet. Dieses Projekt ist gefördert von der Umweltstiftung Greenpeace.

Eifrige Zwei- und Vierbeiner auf Wolfsexkursion in der Lausitz (Foto: Franziska Baur)

Im Rahmen eines mehrtägigen Seminars bildeten sich die Teilnehmenden inkl. eifriger Vierbeiner zum Thema “Wolf und seine Lebensweise” fort. Ein Großteil des Seminars bestand aus Exkursion und Geländearbeit. ReferentInnen waren Karsten Nitsch, Stephan Kaasche & Catriona Blum-Rérat vom LUPUS Institut für Wolfsmonitoring und -forschung.

Kein Wolf aber der nächste Verwandte: Canis familiaris – der Haushund, um genau zu sein die schöne Malinois-Hündin “Anima” (Foto: Franziska Baur)

Aussichtspunkt Bergener See

Auf dem Programm standen mehrfache Ansitze auf dem Aussichtspunkt Bergener See in Elsterheide mit Einführung in die Region Lausitz. Der Bergener See ist Teil des Naturschutzgroßprojektes Lausitzer Seenland und befindet sich im Sperrgebiet. Er entstand aus einem ehemaligen Tagebaurestloch und füllt sich durch das aufsteigende Grundwasser von selbst, wird jedoch regelmäßig künstlich abgesenkt. In der geschützten Bergbaufolgelandschaft wird dafür gesorgt, dass sich bestimmte Pflanzen- und Tierarten entwickeln. Aufgrund der zahlreichen Flachwasserzonen und Inseln ist er ein bedeutsames Rastgewässer für Zugvögel wie Kraniche, nordische Gänse und Watvögel. Ferner brüten dort seltene Vogelarten wie Brachpieper, Flußuferläufer, Kiebitz, Fluss-Regenpfeifer, Braun- sowie Blaukehlchen.

Sperrbereich am Bergener See (Foto: Franziska Baur)

Der Aussichtspunkt am Südufer des Bergener Sees gilt als das Beobachtungs-Eldorado für Wolfsfreunde. Er wird regelmäßig von Naturfilmern und Fotografen angesteuert. Hier befindet sich ein hölzerner Pavillon, mehrere Infotafeln und eine Terrasse mit Panoramablick über das rund 67 Hektar große Gewässer. Wir konnten Kraniche, Raubwürger, Rehe, Füchse und Wildschweine erblicken. Um einen Wolf zu sehen, ist Geduld gefragt. „Dies hat sich schmerzlich bewahrheitet: wir kamen zwar jeden Morgen und jeden Abend – dennoch kein Wolf weit und breit. Trotz aufwendigem Equipment (hochwertige Ferngläser, Kameras, Nachtsichtgeräte und Wärmebildkameras) und viel erwartungsvollem Warten bis in die Dunkelheit hinein. Es hieß, wer an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen kommt, hat gute Chancen“ einen Wolf zu sehen, zumindest in mehreren hundert Metern Entfernung… Im Frühsommer gibt es scheinbar die höchste Artenvielfalt. Es hilft nichts, wir müssen wohl nochmals kommen!

Wolfansitz am Südufer (Foto: Franziska Baur)
Halbschöne Aussicht mit der “Schwarzen Pumpe” (Braunkohlekraftwerk) am Horizont (Foto: Franziska Baur)

Ein Fuchs (Vulpes vulpes) in der Abenddämmerung (Foto: Franziska Baur)

Spurensuche

Bei weiteren Exkursionen ins karge, steppenartige Brandenburger Umland gaben Stephan und Catriona eine ausführliche Einführung zum Thema Wolf, Spurenkunde sowie Übungen zum Monitoring mit Sichtungsprotokollen (Tierspuren, Gangarten, Schrittlängen etc.). Hierbei entdeckten wir tatsächlich Wolfsspuren und möglicherweise wurden wir aus der Ferne sogar beobachtet, gut möglich. Blicken lassen hat sich allerdings auch hier kein Wolf.

Spürhund Murmel in Aktion (Foto: Franziska Baur)

Neben der Hundespur eine waschechte Wolfsspur mit perfektem Pfotenabdruck (Foto: Franziska Baur)

Fotofallen und Losungen

Am dritten Tag besuchten wir diverse Fotofallenstandorte und lasen die Film- und Fotoaufnahmen aus. Es wurden mehrfach Wölfe, sowie Füchse und Rehe abgelichtet. Bei unseren Wanderungen fanden wir auch zahlreiche Hinterlassenschaften von Wölfen, die wir Spürhundeführer*innen sogleich als Trainingsmaterial einsammelten. Tatsächlich hinterlassen Wölfe ihre “Losungen” häufig an Wegen, die vom Menschen künstlich angelegt wurden. Auch höher gelegene Ablageorte wie alte Baumstämme oder Felsen werden gerne genutzt. Aussagekräftig sind hierbei Länge (mind. 20 cm), Durchmesser (mind. 2,5-4 cm) und Inhalt (je nach Nahrung meist viele unverdaute Fell- und Knochenreste).

Biologe Stephan Kaasche beim Auslesen seiner Fotofalle (Foto: Franziska Baur)

Wolfslosung (Foto: Franziska Baur)

Wolfslosung wird vermessen und dokumentiert (Foto: Franziska Baur)

Verkehrsopfer

Kurz vor unserer Abreise sollten wir dann doch noch einen Wolf zu Gesicht bekommen. Ein trauriges Verkehrsopfer der letzten Nacht wurde dem LUPUS Institut gemeldet. Dort wurde das knapp einjährige Jungtier weiblichen Geschlechts ausführlich begutachtet, vermessen, gewogen und jede Einzelheit protokolliert, bevor der Kadaver weiter in die Pathologie am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin transportiert wurde.

Biologin Franziska Baur mit verunglücktem Jungwolf (Foto: Franziska Baur)
Eine markante Zahnfehlbildung wurde bei der Obduktion sichtbar (Foto: Franziska Baur)
Vermessung des Fang-/Eckzahnes (Canini) (Foto: Franziska Baur)
Schriftliche Dokumentation des Totfundes (Foto: Franziska Baur)
Pfotenlänge: 9 cm (Foto: Franziska Baur)
Gewicht: 25 kg (Foto: Franziska Baur)

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Neue Bildungsfilmreihe zum Thema Naturschutzkriminalität 

Projekt Tatort Natur: Videoclips zeigen Wissenswertes rund um die illegale Tötung von Wildtieren

Von Franziska Baur

Zu Beginn des neuen Jahres veröffentlichen die Gregor Louisoder Umweltstiftung (GLUS) und der bayerische Naturschutzverband LBV (Landesbund für Vogel- und Naturschutz) im Rahmen des Projekts „Tatort Natur – Naturschutzkriminalität dokumentieren und stoppen!“ eine Bildungsfilmreihe rund um die illegale Verfolgung geschützter Wildtiere in Bayern. Die Clips von jeweils 5 bis 10 Minuten Länge dienen einerseits als Bildungsangebot für die allgemeine Bevölkerung, richten sich aber auch ganz spezifisch an Menschen in der Praxis, die bei der Polizei, in Behörden oder bei Staatsanwaltschaften, als Richterinnen und Richter arbeiten, in der Naturschutzwacht oder als Ranger*innen aktiv sind.  „Unser Ziel ist es, dass Bayern wieder eine sichere Heimat für unsere Wildtiere wird und auch wir Menschen und unsere Vierbeiner wieder sorglos die Natur genießen können. Unsere Filme sollen aufklären, sensibilisieren und nachhaltig abschrecken”, erklärt Franziska Baur, Filmemacherin und Projektmanagerin der Gregor Louisoder Umweltstiftung von Tatort Natur. Unter www.tatort-natur.de können Interessierte die drei Kurzvideos ansehen.

Die illegale Verfolgung von geschützten Wildtieren, wie zum Beispiel Luchsen oder Greifvögeln, stellt eine akute Bedrohung für Bayerns Natur dar. Mit dem Ziel, diese Problematik aufzuzeigen, hat Franziska Baur im Laufe des vergangenen Jahres verschiedene Protagonisten in ganz Bayern getroffen, die in ihrer Arbeit mit dem Thema konfrontiert sind. Gemeinsam mit ihnen machen sich die Zuschauer*innen auf zu einer emotionalen und inspirierenden Erkundungsreise und erleben Naturschutz in Aktion. Die Bildungsfilmreihe soll die Schönheit der heimischen Natur zeigen und deren akute Bedrohung durch diejenigen, die Wildtiere mit perfiden Methoden loswerden möchten: durch Giftköder, Fallen oder Beschuss. 

Erst kürzlich machten der LBV und die GLUS wieder auf drei Fälle von vergifteten Greif- beziehungsweise Eulenvögeln aufmerksam. Zwei Uhus und ein Mäusebussard waren durch das illegale Kontaktgift Carbofuran gestorben. Aktuelle Fälle wie diese zeigen, wie wichtig es ist, das Bewusstsein für Naturschutzkriminalität in der Bevölkerung weiter zu schärfen. „Öffentlichkeitsarbeit ist eine zentrale Säule unseres Projektes Tatort Natur. Mit den neuen Filmen wollen wir möglichst viele Leute erreichen, um so auch eine soziale Kontrolle auszuüben. Das ist wahrscheinlich die wirksamste Methode, um Naturschutzkriminalität einzudämmen“, sagt Projektmanager Dr. Andreas von Lindeiner vom LBV. 

 

Optimale Inhalte für Fortbildungsveranstaltungen

Die drei Clips sind ab sofort verfügbar unter www.tatort-natur.de/material/bildungsfilme/ sowie auf den Plattformen YouTube, Vimeo und Facebook. Die Bildungsfilme eigenen sich optimal für Weiterbildungen. Bei einer internen Fortbildungsveranstaltung zum Thema „Naturschutzkriminalität“ am Landratsamt Pfaffenhofen an der Ilm stießen die Filme bereits auf sehr positive Resonanz.

Verantwortlich für Redaktion und Moderation der Filme ist Franziska Baur. Kamera und Postproduktion hat Andreas Kastiunig von der Produktionsfirma stube 1 übernommen.

Im ersten Clip „Straftaten erkennen, melden, dokumentieren“ erklärt die Biologin und Projektmanagerin Franziska Baur gemeinsam mit Dr. Andreas von Lindeiner, LBV-Projektverantwortlicher, wie illegale Nachstellungen zu erkennen sind, welche Methoden verwendet werden und welche Strafen das Gesetz bei illegaler Tötung geschützter Wildtiere vorsieht.

Im Film „Den Tätern auf der Spur“ stellt Werner Sika, leitender Polizeidirektor des Polizeipräsidiums Niederbayern, anschaulich den Handlungsleitfaden für die Bayerische Polizei vor, der zum Einsatz kommt, wenn der Verdacht auf die illegale Tötung eines geschützten Wildtiers besteht. 

In „Toxikologische Spurensicherung“ erläutert Prof. Dr. med. vet. Hermann Ammer vom Lehrstuhl für Pharmakologie, Toxikologie und Pharmazie der Ludwigs-Maximilian-Universität München, wie eine toxikologische Untersuchung bei Verdacht auf Vergiftung abläuft und was in diesem Zusammenhang zu beachten ist.

Gemeinsames Projekt: „Tatort Natur – Naturschutzkriminalität dokumentieren und stoppen!“

In den vergangenen Jahren gab es in Sachen Naturschutzkriminalität viele dramatische Ereignisse, wie die illegale Tötung geschützter Luchse oder majestätischer Greifvögel. Einige dieser Arten haben es weiterhin schwer und brauchen dringend Unterstützung. Ein Großteil der Fälle bleibt ungeklärt und für die Täter folgenlos. Das muss sich dringend ändern. Der LBV und GLUS haben deshalb das Projekt „Tatort Natur – Naturschutzkriminalität dokumentieren und stoppen!“ gestartet. In einer bayernweiten Datenbank sollen alle (Verdachts-)Fälle von Naturschutzkriminalität gespeichert werden. Als erste Anlaufstelle für betroffene Behörden und die Öffentlichkeit soll die Datenbank fachliche Unterstützung bieten und als Melde- und Informationsplattform dienen. Das Projekt leiten die Biologin Franziska Baur (GLUS) und der Biologe Dr. Andreas von Lindeiner (LBV). Mehr Informationen zum Projekt gibt es unter www.tatort-natur.de.

 

Franziska Baur, GLUS-Naturschutzreferentin, franziska.baur@umweltstiftung.com

 


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Wozu brauchen wir den Wolf?

von Franziska Baur

Hierzu der verstorbene Wolfsexperte Ulrich Wotschikowsky: „Wir brauchen auch keine Mehlschwalbe, keinen Enzian und kein Edelweiß, keine Opern und keine Kunstwerke. Aber die Welt wäre doch viel ärmer ohne sie. Außerdem, wie können wir es uns erlauben, die Schöpfung in Frage zu stellen? Wir haben die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, sie zu erhalten.“

Ulrich Wotschikowsky

Ulrich Wotschikowsky

Diese Frage wird hierzulande immer wieder gestellt, je mehr sich der Rückkehrer Wolf wieder ausbreitet und kontrovers diskutiert wird. Die Krux ist hierbei, dass die Mehrheit der Bevölkerung grundsätzlich Biodiversität und Umweltschutz befürwortet (Forsa Umfrage vom NABU 2021: 77% der Befragten fanden es “erfreulich, dass Wölfe wieder hier leben”) – in der Theorie. Hierbei verfestigt sich jedoch – gerade unter den Wolfsgegnern – das Prinzip „NIMBY“: Not In My Backyard. Außerdem, so die Argumentation, kosten sie die Gesellschaft (zu) viel Geld: Nutztierhalter müssen investieren, um ihre Tiere zu schützen. Vor solchen Kosten-Nutzen-Fragen steht jedoch eine ganz andere Frage: Was gibt uns eigentlich das Recht, die Daseinsberechtigung einer bei uns seit Jahrtausenden natürlich vorkommenden Spezies in Frage zu stellen? Dahinter steht ein weit verbreiteter, anthropozentrischer Ansatz, Lebewesen in “nützlich” und “schädlich” zu unterteilen und dementsprechend zu selektieren, welche Tiere bei uns leben dürfen und welche nicht. Gleichzeitig offenbart sich die Natur des Menschen, der alles abwehren möchte, was das eigene Wohlbefinden vermeintlich gefährden könnte. Wozu der Wolf gut ist? Hierauf gibt es nicht die eine Antwort. Wir Menschen prägen unsere Umwelt derart stark, dass wir durch Landwirtschaft, Jagd, Freizeitaktivitäten und Fragmentierung einen größeren Einfluss auf natürliche Lebensräume haben, als Wölfe ihn jemals haben könnten. Unser heutiges – als normal empfundenes –Landschaftsbild kann sich aufgrund von Flurbereinigungen und massivem Pestizideinsatz nicht einmal mehr Kulturlandschaft schimpfen. Vielmehr ist die eine funktionsgerechte, artenentleerte und durch Agrochemikalien gesteuerte Agrarlandschaft. Eine erneute, flächendeckende Wolfsanwesenheit könnte sich hier tatsächlich positiv auswirken, wenn sie denn gesellschaftsfähig werden würde.

Abschuss von Wölfen

Foto: M. Krofel

 

Ökologische Aspekte

Je vollständiger und vielfältiger ein Ökosystem ist, desto stabiler und robuster ist es – in Zeiten von Klimawandel, Pandemien und Kriegen ein unersetzbares Gut und Basis unseres eigenen Überlebens: Stürme, Dürre, Parasitenbefall und andere Folgen des Klimawandels könnten merklich abgemildert werden. In der Land- und Forstwirtschaft ein nicht unerheblicher ökonomischer Wert. Wilmers et al. (2013) fanden heraus, dass die Ausbreitung neuer Infektionskrankheiten durch eine hohe Biodiversität geringer ist: Einzelne Arten und damit auch deren Viren haben es schwerer, sich durchzusetzen und übertragen sich seltener auf neue Wirte. Der Wolf spielt hierbei eine wichtige Rolle: Zuallererst für seine Beutetiere und mittelbar auch für weitere Arten wie Aasfresser, welche sich von den Überresten ernähren, sowie für den gemeinsamen Lebensraum. Wolfsrisse fördern zudem den Nährstoffreichtum, indem sie ganzjährig Mikroorganismen und Insekten einen Nährboden durch verwesende Kadaver bieten. Im Yellowstone (Nationalpark) fanden Wissenschaftler heraus, dass Wölfe ihre Beute nicht vollständig auffressen und übrig gebliebenes Aas in sehr kurzer Zeit zu hochkonzentrierten Nährstoffinseln für Bodenbewohner wie Bakterien, Pilze und Insekten umgewandelt wird. Dort sind die Konzentrationen an Stickstoff, Phosphor, Kalium und Natrium deutlich höher als in ihrer Umgebung: Beispielsweise trägt ein 30 kg schwerer Kadaver 4 kg Stickstoff in 1 Quadratmeter Boden ein. Das entspricht in etwa einer landwirtschaftlichen Düngung über 100 Jahre hinweg. Auch dortige Untersuchungen unter Bison- und Wapitirissen zeigen diese Nährstoffkonzentration in der Vegetation, ebenso eine erhöhte Bodenatmung. In den Böden lebten zudem andere Artengesellschaften aus Bakterien und Pilzen als in den Kontrollfächen. Auch die großen tierischen Aasfresser (z.B. Kolkrabe oder Seeadler) profitieren von Wolfsrissen: Das regelmäßige Angebot an Kadavern durch die Wiederansiedlung von Wölfen ließ die Populationen von 13 Aasfresser-Tierarten ansteigen. Der Wolf ist als Lieferant großer Kadaverüberreste also ein entscheidendes Bindeglied im Ökosystem. So erhält und fördert er als Ökosystemdienstleister pflanzliche, tierische und mikrobielle Diversität. Die Rückkehr der Wölfe nach Bayern ist folglich ein wichtiger Baustein zur Renaturierung heimischer Ökosystemen.

 

Waldverjüngung

„Wo der Wolf jagt, wächst der Wald.“ –  ganz so simpel ist es in der Realität leider nicht. Gemeint ist mit diesem alten russischen Sprichwort jedoch, dass Wölfe Rothirsche, Rehe und Wildschweine jagen, wodurch Verbissschäden kleiner werden. Die Beziehung zwischen Wolf, Wild und Wald ist in unserem Kulturraum aufgrund erwähnter zivilisatorischer Einflüsse deutlich komplexer als das Sprichwort vermitteln möchte. Eine Beobachtung ist jedoch allen wissenschaftlichen Untersuchungen zum Einfluss von Wölfen auf ihren Lebensraum gemein: Wo Wölfe leben, beeinflussen sie, wie lange und wo sich das Wild aufhält. Ihre Beutetiere müssen schlichtweg mobiler sein: Sie wechseln häufiger die Futterplätze und bilden teils kleinere Gruppen, was das Risiko verkleinert. Da die Tiere zwischendurch häufiger ihre Umgebung scannen, verkürzt sich außerdem die Äsungszeit. Und wo wenig Hirsche, Rehe und anderes Beutewild kürzer grasen und knabbern, wird Verbiss reduziert. Berühmte Studien aus dem Yellowstone Nationalpark konnten zeigen, dass es seit der Wiederansiedlung von Wölfen, wieder mehr Weiden und Espen gibt (Wilmers et al. 2013). Auch in anderen Wolfsgebieten wurde festgestellt, dass die Ökosysteme bessere Verjüngungschancen haben, was vielfältigere Lebensräume und mehr Artenreichtum nach sich zieht. Selbst wenn sich der Verbiss in unseren Breiten in einigen Fällen zunächst nur verlagert, dürfte er bei konstanter Wolfspräsenz auch hier zurückgehen, so eine Studie der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft in der Schweiz. Durch ihre Beutejagd helfen Wölfe zudem bei den Anstrengungen, einen angepassten Wildbestand zu erreichen, welcher der Kapazität des jeweiligen Lebensraumes entspricht. Auch das führt dazu, dass der Wald sich besser verjüngen kann. Das Angebot der Beutetiere bestimmt die Zahl der Beutegreifer und somit werden sich Schalenwildbestände und Wölfe langfristig gegenseitig beeinflussen.

 

Natürliche Selektion

Einen unmittelbaren Einfluss haben Wölfe auf ihre Beutetiere: Sie jagen bevorzugt junge und unerfahrene, alte oder kranke Tiere. Erwachsene, kraftvolle Tiere, die wichtig für die Fortpflanzung sind, haben bessere Chancen, den Nachstellungen der Wölfe nicht zum Opfer zu fallen. Damit verbessert sich ganz natürlich die Fitness des Beutewilds, denn anders als der menschliche Jäger erkennen Wölfe Erkrankungen bereits in sehr frühen Stadien und können so die Verbreitung von Infektionskrankheiten eindämmen.

Im Folgenden einige Ergebnisse aus einer Studie zum Thema „Welche Effekte haben große Beutegreifer auf Huftierpopulationen und Ökosysteme?“ (Heurich et al.):

  • Infolge der Rückkehr der großen Beutegreifer (GB) in Europa und Nordamerika in den letzten Jahren wurden zahlreiche Forschungsarbeiten über ihren Einfluss auf Huftiere und Ökosysteme veröffentlicht.
  • Diese zeigen, dass Wolf, Luchs, Bär und Co. das Potential haben, die Bestände von Huftieren und Mesoprädatoren unter die Lebensraumkapazität zu senken und auch deren Verhalten signifikant zu beeinflussen.
  • Über diese Effekte hinaus können sie eine Vielzahl von Prozessen im Ökosystem beeinflussen, die sich über mehrere trophische Ebenen (Nahrungsketten-Stufen) auswirken. Damit sind sie Schlüsselarten, die einen weit größeren Einfluss haben, als es aufgrund ihrer schieren Biomasse (Gesamtheit der Masse organischer Stoffe GB innerhalb eines bestimmten Gebiets) zu erwarten wäre.
  • Die meisten Studien zu diesem Themenkomplex stammen aus wenig vom Menschen beeinflussten, naturnahen Ökosystemen und weisen oft methodische Schwächen auf, sodass unklar ist, in wie weit sie auf mitteleuropäische Verhältnisse, mit stark anthropogen überprägten Ökosystemen, übertragen werden können.
  • Die Rückkehr von GB stellt einen wichtigen Ansatz zur Renaturierung von Ökosystemen dar. Insbesondere in Großschutzgebieten sollte es das Ziel sein, die natürliche Artenausstattung an Prädatoren wieder herzustellen, um einen sinnvollen Prozessschutz (Naturschutzstrategie, die auf dem Nicht-Eingreifen in natürliche Prozesse beruht) zu gewährleisten.
  • In welchem Ausmaß Wölfe ihre Beutetierpopulationen damit die Ökosysteme in Mitteleuropa beeinflussen und welchen konkreten Beitrag sie zur Lösung des Wald-Wild-Konflikts leisten, muss noch gründlicher erforscht werden.

 

Ökonomische Aspekte

Seit der Wolf wieder durch unsere Breiten streift, verstärken Nutztierhalter den Schutz ihrer Tiere. Das bedeutet z.B. für die schweizerischen Bergregionen, dass Schäfer zwar in Schutzmaßnahmen investieren müssen – wofür sie von der Gesellschaft über öffentliche Gelder ausreichend unterstützt werden müssen. Sie sehen aber auch häufiger nach ihren Tieren, um die Wirksamkeit des Herdenschutzes durch Elektrozäune zu prüfen oder die Herdenschutzhunde zu versorgen. So sind die Schafe nicht mehr über längere Zeiträume sich selbst überlassen, wie das zuvor der Fall war. Unfälle oder Krankheiten der Tiere führten deshalb oft unweigerlich zu deren Tod – neben der emotionalen Komponente war das auch immer ein wirtschaftlicher Verlust. Dem Züricher Ethnologen B. Tschofen zufolge, sind vor der Rückkehr der Wölfe auf den Schweizer Bergalmen jährlich rund 10.000 Schafe durch Unfälle oder Krankheiten verstorben. Heute seien die Verluste um die Hälfte geringer – Risse durch Wölfe eingerechnet. Und auch in ebeneren Regionen könnte Herdenschutz den Geldbeutel entlasten, indem es in den geschützten Bereichen weniger Schäden durch Wildschweine, wildernde Hunde oder auch Menschen gibt. Von den Millionen, die aktuell in Maßnahmen wie z.B. Schutzzäune gegen Wildschweinschäden und Verbiss durch Schalenwild gehen, dürfte durch den Wolf ebenso einiges eingespart werden. Immerhin ist er hierzulande der einzige natürliche Feind der Wildschweine. In einigen Gebieten konnte sogar schon die Anpflanzung von Aufforstungen ohne Wildschutzzäune durchgeführt werden.

 

Potential Tourismus

Trotz aller Kontroversen: Wölfe faszinieren seit jeher. Und die Mehrheit der Deutschen freut sich, dass sie wieder bei uns heimisch sind. Für touristische Angebote zum Wolf gibt es damit Potenzial, wie auch schon bestehende Angebote zum Wolfwatching, Wolftracking etc. zeigen. Besonders strukturschwache Regionen können Besucherzahlen und Übernachtungen mit solchen Angeboten steigern. Doch das Potenzial hat Grenzen: Zum einen gibt es keine Garantie, auf einer solchen Tour auch wirklich einen Wolf zu Gesicht zu bekommen. Wölfe nehmen uns Menschen schon lange wahr, bevor wir sie im Fernglas- oder Kamerasucher haben und machen dann üblicherweise einen großen Bogen um uns. Zum anderen ist die Anwesenheit von Wölfen schon bald Normalität hierzulande. Als wirklicher Tourismusfaktor würde der Wolf dann wohl nicht mehr ziehen. Eher als charismatisches Symboltier, mit dem sich im Naturtourismus werben lässt.

 

Herdenschutz: unumgänglich

Auffällig ist, dass intensive Forschungsarbeiten zur ökologischen Bedeutung des Wolfes auf das Schalenwild laufen oder noch dringend notwendig sind. Klar ist aber schon jetzt: Nur wenn wir ihm die Rückkehr in seinen natürlichen Lebensraum gestatten und gleichzeitig die Tierhalter ausreichend beim Schutz ihrer Tiere unterstützen, so dass die artgerechte Weidetierhaltung erhalten bleibt, gewinnen wir einen essentiellen Baustein für ein zukunftsfähiges Ökosystem. Hier soll nicht unerwähnt bleiben, dass weder Bejagung noch eine Obergrenze etwas an der Notwendigkeit eines wirksamen und flächendeckenden Herdenschutzes ändern, da dies nicht von der Zahl der Wölfe abhängt, sondern schlichtweg von deren generellen Präsenz (https://conbio.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/conl.12994). Wenn sich erst einmal eine Selbstverständlichkeit hinsichtlich Herdenschutzmaßnahmen durchgesetzt hat, wird sich die Lage entspannen und der Wolf zum Alltag gehören. Es wird immer wieder Risse geben. Aber Wölfe, die ordnungsgemäß geschützte Herden immer wieder angreifen und für große Verunsicherung in der Bevölkerung sorgen, dürfen bereits jetzt nach strenger Einzelfallprüfung geschossen werden. Die Rechtsgrundlage dafür gibt das Bundesnaturschutzgesetz her.

Herdenschutzhunde...

… schützen die ihnen anvertrauten Herde gegen Übergriffe von zwei- und vierbeinigen Räubern. Die Methode ist uralt und hat sich weltweit bewährt.

… sind immer bei ihrer Herde – egal zu welcher Jahreszeit und bei welchem Wetter.

… binden sich sowohl an das Territorium als auch an die Herdentiere.

… zeigen durch Bellen und körperliches Imponiergehabe an, dass sich der Tierherde etwas Unbekanntes (Mensch oder Tier) nähert.

… sprechen die gleiche Sprache wie Wölfe. Die Wölfe verstehen das Bellen als Machtdemonstration und riskieren lieber keinen Angriff.

… werden nicht nur zum Schutz von Schafen eingesetzt, sondern auch bei Rindern, Pferden, Gatterwild oder Geflügel.

… sind keine Hütehunde. Deren Aufgabe ist es, die Herde zusammen zu treiben.

… sehen nicht alle gleich aus – es gibt weltweit über 50 verschiedene Rassen.

… stellen keine Gefahr für Touristen und Haushunde dar, sofern diese außerhalb des Zaunes bleiben.

Annäherung und Kontakt zwischen Herdenschutzhund und Rind (Foto: C. Homburg)

 

Wolfsmanagement – Prävention

Um Konflikte mit Menschen zu verhindern, sollten unbedingt zugängliche Nahrungsquellen (Mülldeponien/-container, achtlos weggeworfene Wurstsemmel etc.) entfernt werden, da diese direkt mit dem Menschen assoziiert werden könnten. Lebensmittel und Abfälle müssen sicher aufbewahrt werden, wie es etwa in Nationalparks der USA schon üblich ist, um große Beutegreifer wie Bären, Wölfe oder Luchse nicht anzuziehen. In Deutschland ist die gezielte Anfütterung von Wölfen nach §45a BNaSchG verboten. Unter keinen Umständen darf es eine aktive Anfütterung etwa für Fototourismus etc. geben.

 

Monitoring

Wichtig bleibt das aktive Monitoring, um potentiell gefährliches Verhalten frühzeitig zu erkennen und eine Eskalation der Situation zu verhindern. Hierbei sind Behörden u.a. auf Meldungen aus der Bevölkerung angewiesen. Deshalb müssen zuständige Stellen leicht zu finden und deren Ansprechpartner*innen erreichbar sein. Die Besenderung von (auffälligen) Wölfen mit GPS-Halsbändern kann neben wissenschaftlichen Erkenntnissen über Lebensraum und Wanderverhalten ein Eingreifen erleichtern, wenn nötig.

Fotofalle (Foto: F. Baur)

Die Wahrscheinlichkeit eines Wolfsangriffs ist auch trotz gestiegener Wolfsbestände äußerst gering (NINA Studie 2021, Linell et al.). Wir fordern deshalb eine sachliche Debatte von der Politik, anstatt Wolf-Populismus. Sorgen und Ängste müssen trotz Allem ohne jeglichen Zweifel ernst genommen werden.

 

Rechtlicher Rahmen

Um das ganze Thema final in einen rechtlichen Rahmen zu gießen, darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Tierart Wolf durch den EU-weiten Artenschutz, konkret durch die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie, streng geschützt ist und das voraussichtlich auch bleibt: Richtlinie 92/43/EWG des Rates vom 21. Mai 1992 zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen. Die FFH-Richtlinie hat zum Ziel, wildlebende Arten, deren Lebensräume und die europaweite Vernetzung dieser Lebensräume zu sichern und zu schützen. Die Vernetzung dient der Bewahrung, (Wieder-)herstellung und Entwicklung ökologischer Wechselbeziehungen sowie der Förderung natürlicher Ausbreitungs- und Wiederbesiedlungsprozesse. Sie basiert auf der von den EU-Mitgliedstaaten 1992 eingegangenen Verpflichtungen zum Schutz der biologischen Vielfalt (Biodiversitätskonvention, CBD, Rio 1992).

 

Ethischer Ansatz

Zur eingehenden Frage „Wozu wir den Wolf überhaupt brauchen?“ soll noch eine kulturanthropologische Sichtweise zum Denken anregen. Zu allererst sollte man bedenken, dass diese Frage in einem gewissen Kontext nur rhetorisch gemeint sein kann und daher keine ernsthafte Antwort benötigt. Die Meinung derjenigen, die diese Frage stellen, ist grundsätzlich contra-Wolf und basiert auf folgenden Annahmen: Wölfe gehören nicht hierher und passen auch nicht uns unsere Kulturlandschaft Schrägstrich Heimat. Diese Meinung tritt am häufigsten unter Jägern und Weidetierhaltern auf, die verständlicherweise auch die meisten Berührungspunkte und potentielle Konflikte mit dem Rückkehrer haben. Die meistern derer, sehen sich durchaus als naturverbunden, jedoch ist ihr Verständnis eher anthropozentrisch geprägt, stellt also den Menschen und die vom Menschen gestaltete, geordnete und kontrollierte Natur in den Mittelpunkt. Für diese Art von Natur scheinen Wölfe zu „wild und unkontrolliert“, denn sie gefährden die gewohnte Ordnung.

Konträr hierzu sind dogmatische Wolfsbefürworter zu sehen, die sich selbst häufig als naturverbunden bezeichnen. Viele verspüren eine regelrechte Sehnsucht nach einer „wilderen“ Natur, die eben nicht geordnet, kontrolliert oder gar dominiert wird, sondern ihren eigenen Rhythmus im Gleichgewicht findet. Dabei kann es auch um eine Resonanzerfahrung gehen, also dass man in der Verbindung mit den Wölfen auch ein Stück weit „wilder“ werden kann. Dies hat mit der Realität von Wölfen wenig zu tun: Wild lebende Wölfe sind schlichtweg Kleinfamilien, innerhalb derer sie sehr sozial und fürsorglich ihr Überleben sichern. Auch hat sich zwischen Menschen und Wölfen seit vielen Jahrtausenden eine Koevolution ergeben. Unsere Hunde entstanden in verschiedenen Erdteilen aus der Domestizierung der dort lebenden Wölfe. Um eine nüchterne Perspektive auf die Tierart Wolf und deren Rückkehr in ihren ursprünglichen Lebensraum zu bekommen, empfiehlt sich das Ansehen der Dokumentation „Die Wolfssaga – 20 Jahre Wölfe in Deutschland“ vom Ökologen und Tierfilmer Sebastian Koerner (www.lupovision.de): https://www.facebook.com/watch/?v=179015297198608

 

Abschließend lässt sich feststellen, dass keine Tierart in Bayern so polarisiert wie der Wolf – von den einen romantisiert, von den anderen verhasst. Könnte der Wolf daher Anlass sein, unser grundsätzliches Verhältnis zur Natur zu überprüfen?

 


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Neues Kinderbuch von Axel Gomille

 Von Franziska Baur

 

Wölfe – Unterwegs mit dem Tierfotografen Axel Gomille

 

Seit gut 20 Jahren streifen wieder Wölfe durch Deutschland. Noch immer lösen sie vor allem bei der älteren Bevölkerung gemischte Gefühle aus. Anders ist es bei Kindern. Für einige von ihnen ist es schon fast wieder normal, dass Wölfe in unseren Wäldern leben – sie kennen es gar nicht anders. Darin liegt eine enorme Chance für eine friedliche Nachbarschaft, denn sie werden irgendwann über die Zukunft der Wölfe in Mitteleuropa entscheiden. Nach seinem erfolgreichen Buch “Deutschlands wilde Wölfe” richtet sich das neue Werk des Zoologen und Fotografen Axel Gomille gezielt an Kinder und junge Menschen, um sachliche Informationen über Wölfe zu vermitteln. Es zeigt, wie Wölfe aufwachsen, wie das Leben im Rudel aussieht, wie sie jagen und vieles mehr. Eine spannende Reise ins Reich der wilden Wölfe.

 

 

Wölfe – Unterwegs mit dem Tierfotografen Axel Gomille

Kinder- und Jugendbuch

64 Seiten, ca. 80 Farbfotos, ca. 22,5 x 27,5 cm, Hardcover

ISBN 978-3-440-16987-2

Kosmos Verlag, Stuttgart, März 2021

€/D 16,00 / €/A 16,50 / sFr 21,50

 

Nun können Kinder zusammen mit dem Tierfotografen Axel Gomille die wildlebenden Wölfe entdecken. So erfahren sie wie Wölfe leben, warum sie sich wieder im deutschsprachigen Raum angesiedelt haben und wie ein friedliches Nebeneinander von Mensch und Tier aussehen könnte. Außerdem gibt Axel Gomille Einblick in den Alltag eines Tierfotografen und Wolfsbeobachters: Wie lassen sich Geheimnisse aus dem Leben von Wölfen entschlüsseln und wie ist es, einem Wolf gegenüberzustehen? Der Zoologe, Filmemacher und Buchautor muss es wissen. Schon bald nach der Rückkehr der Wölfe begann er damit, die Tiere in Deutschland zu beobachten. Seine einzigartigen Bilder wildlebender Wölfe in Deutschland faszinieren und geben außergewöhnliche Einblicke in das Leben dieser Tiere.

Autor Axel Gomille schreibt in seinem Vorwort:

„Dieses Buch soll dazu beitragen, dass deine Generation die Wölfe besser versteht. Den »bösen Wolf« gibt es nur im Märchen. Die Tiere breiten sich immer weiter aus und werden vielleicht auch irgendwann in deiner Nachbarschaft leben. Ich wünsche mir, dass du dann gut vorbereitet bist und allen, die sich Sorgen machen oder vielleicht sogar falsche Informationen verbreiten, sachliche Argumente liefern kannst. So kannst du dabei helfen, dass Wölfe in Deutschland eine Zukunft haben!“

Zusätzlich zum Buch gibt es in der kostenlosen KOSMOS Plus App spannende Kurzfilme, in denen die Wölfe in Aktion gezeigt werden.

Axel Gomille

Axel Gomille ist Diplom-Biologe und Fotograf. Er studierte Zoologie in Frankfurt und Florida und arbeitet beim ZDF als Redakteur und Autor mit dem Schwerpunkt Natur und Wildtiere. Seine Tätigkeit als Fotograf und Filmemacher führte ihn in viele der schönsten Naturreservate der Erde. Dabei interessiert ihn besonders, wie ein Nebeneinander von Menschen und Wildtieren im 21. Jahrhundert gelingen kann, denn wilde Tiere sind seine große Leidenschaft. Seine Fotoreportagen sind in internationalen Magazinen erschienen, für seine Fotos und TV-Dokumentationen wurde er mehrfach ausgezeichnet, er hat bisher acht Bücher veröffentlicht. Nach seinem Bestseller „Deutschlands wilde Wölfe“ spricht er mit seinem neuen Werk „Wölfe – Unterwegs mit dem Tierfotografen Axel Gomille“ gezielt Kinder und junge Menschen an. Seit vielen Jahren beobachtet er immer wieder wildlebende Wölfe in Deutschland.

Weitere Informationen: www.axelgomille.com


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2020 – Ein gutes Jahr für unsere heimischen Raubtiere a.k.a. “Konflikttierarten” (Wolf, Luchs, Bär & Co.)?

von Franziska Baur
 
Soviel steht fest: 2020 wird uns allen prägnant in Erinnerung bleiben als eines der wenigen guten Jahre. Jedoch gab es auch erfreuliche Nachrichten: in vielen Winkeln der Erde erholte sich die Natur merklich und auch hierzulande waren heuer alle drei heimischen großen Beutegreifer anzutreffen: Wolf, Luchs und sogar Bär!
 
Kompaktwissen Wolf, Luchs, Bär

 

 

Europäischer Wolf (Canis lupus lupus)

Seit 2006 gibt es bei uns in Bayern wieder Wölfe, bisher meist junge Durchzügler. Das erste bayerische Rudel bildete sich 2017 im Bayerischen Wald. Ein Wolf gilt als standorttreu, wenn dieser über einen Zeitraum von mehr als 6 Monaten nachgewiesen wird oder eine Reproduktion belegt ist. Standorttreue Wölfe in BY: Truppenübungsplatz Grafenwöhr, Veldensteiner Forst, Bayerischer Wald, Rhön, Oberallgäu, Manteler Forst.
 
Jungtiere z.B. aus dem Nordosten Deutschlands oder aus den Alpen wandern bei Geschlechtsreife weite Strecken auf der Suche nach einem eigenen Territorium. Somit können jederzeit überall in Bayern Wölfe zu- oder abwandern.

 

Kriterien des standardisierten Monitorings

 

 

Reproduktion 2020

Wolfswelpen Bayern

Foto: Jungwölfe Axel Gomille

 

 
Nationalpark Bayerischer Wald (2 Rudel):
Süd: Fähe mit Gesäuge nachgewiesen
Nord: Ein Welpe genetisch nachgewiesen

 

 

Manteler Forst (1. Nachwuchs):
27.05.2020: Fähe (sächsische Wölfin) mit Gesäuge (Wildkamera), Vater ist Nachkomme aus Veldensteiner Forst
19.09.2020: Rudel an Hirschkadaver: mind. 5 Welpen (gemischt-geschlechtlich)

 

Veldensteiner Forst (Nachwuchs 3. Jahr in Folge):
05.05.2020: Fähe mit Gesäuge (Wildkamera)
28.08.2020: 4 Welpen (Wildkamera)

 

 

Tot aufgefundene Individuen

 

Lkr. Hof, 31.08.2020: weibl. Individuum GW1607f (Herkunftsrudel: Lieberose, Brandenburg)

 

Laut LfU am 05.10.2020: Auf Grund des sehr weit fortgeschrittenen Verwesungsstatus des Kadavers konnte die Todesursache nicht mehr festgestellt werden. Es fanden sich keine Hinweise auf einen Verkehrsunfall (keine Knochenbrüche) oder Beschuss sowohl am Skelett als auch an der Fundstelle. Beides kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, da in beiden Fällen auch eine reine Weichteilverletzung zum Tode führen kann. Anzeichen auf Krankheiten konnten anhand der Überreste nicht festgestellt werden

 

 

Weitere Hinweise/Sichtungen/Risse

 

Lkr. Neustadt an der Waldnaab, 09.01.2020: Rissereignis Schaf mit genet. Nachweis Wolf als Verursacher.
 
Lkr. Traunstein/Kitzbühel, Juni/Juli 2020: Div. Rissereignisse Schaf. Experten des Netzwerks Große Beutegreifer konnten genetische Proben gewinnen: Wolf aus dynamischer Population. Abgleich zwischen dt. und öster. Referenzlabor zeigt, dass es sich bei den Schafsrissen in Kössen/Walchsee in Österreich und im Lkr. Traunstein um den identischen Haplotypen und um dasselbe Individuum handelt.
 
Lkr. Garmisch-Partenkirchen, 16.07.2020: Rissereignis Schaf. In direktem räumlichen Zusammenhang wurde in der Nacht zum Montag ein Wolf von einer automatischen Wildtierkamera aufgenommen. Als Verursacher ist ein Wolf daher sehr wahrscheinlich. Keine weiteren Nachweise und somit keine Förderkulisse mehr.
 
Lkr. Aichach-Friedberg, 25.07.2020: Rissereignis Schaf. Als Verursacher wird von Experten ein Wolf angesehen, der in der folgenden Nacht auf der betroffenen Weide mit automatischen Wildtierkamera aufgenommen wurde. Wolfsrüde nicht mehr nachgewiesen, keine Förderkulisse mehr.
 
Lkr. Ostalllgäu, 03.08.2020: Rissereignis Schaf, Genetik bestätigt Wolf als Verursacher.
 
Lkr. Tirschenreuth, 14./18.10.2020: 3 Schafe, 1 Ziege gerissen. Dokumentationen schließen auf großen Beutegreifer. Bisherige Genetikergebnisse ergaben Haplotypen, der sowohl bei Wölfen, als auch bei Hunden vorkommen kann. Aufgrund dessen Seltenheit reicht Standardanalyse zur sicheren Unterscheidung Wolf/Hund nicht aus.
 
Lkr. Eichstätt, 18.06./18.08./18.10.2020: Weiblicher Wolf (Wildkamera, Losung)
 
Lkr. Freising, 25.10.2020: Rissereignis Damwild in Wildgehege. Abstrich: Wolfsrüde (GW1896m) aus zentraleuropäischen Population. Herkunftsrudel konnte nicht ermittelt werden. Individuum zog weiter nach Baden-Württemberg.
 
Lkr. Bamberg, 04.11.2020 Wolf (Wildkamera)
 
Truppenübungsplatz Grafenwöhr, 8.11.2020: Rehriss durch territoriale Wölfin GW1758f (aus Laußnitzer Heide, Sachsen, 2019)
 
Bayerische Rhön: Weibliches Einzeltier, territorial
 
Reutte (Österreich), Grenzgebiet zu Garmisch Partenkirchen bzw. Ostallgäu, 16.11.2020: Nachweis Wolf Rotwildriss (Alpenpopulation)
 
Nürnberger Land, 07.12.2020: Wolf gesichtet, gefilmt und fotografiert, mögl. Jungtier aus Veldensteiner Forst
 
Truppenübungsplatz Hohenfels, 10.05.2020: Territorialer Rüde GW1416m (Losung) aus Parchener Rudel, Sachsen-Anhalt), erstmalig am 29.09.2019 über Haarprobe in Thüringen, am 02.01.2020 Wildtierriss im Lkr. Hof. Präventiv Förderkulisse ausgewiesen.
 
Förderrichtlinie Investition Herdenschutz Wolf (FöRIHW)

Im April 2020 ist die „Förderrichtlinie Investition Herdenschutz Wolf“ (FöRIHW) in Kraft getreten. Die Zuwendungen im Rahmen dieses Förderprogramms gelten ausschließlich in den vom LfU veröffentlichten Förderkulissen. Es gibt eine Förderkulisse für Zäune sowie eine für Herdenschutzhunde. Die Karte mit den Förderkulissen und weitere Informationen zur Herdenschutzförderung finden Sie hier:
 Förderrichtlinie ‘Investition Herdenschutz Wolf’ (FöRIHW) – LfU Bayern.
 
Um das Zentrum der Wolfsterritorien werden in der Regel sogenannte „Wolfsgebiete im Sinne des Schadensausgleichs“ ausgewiesen. Um bei Schäden durch Wölfe Ausgleichszahlungen in Anspruch nehmen zu können, müssen in diesen Gebieten innerhalb eines Jahres angemessene und zumutbare Präventionsmaßnahmen („Grundschutz“) ergriffen werden. In Gemeinden außerhalb dieser Gebiete sind die Ausgleichszahlungen nicht an vorherige Prävention gebunden.
 
Die Förderkulisse in Gebieten standorttreuer Wölfe setzt sich wie folgt zusammen:
  • Eine weiträumige Kulisse (60 km Radius um Nachweise), in der Herdenschutzhunde gefördert werden können (Förderkulisse Herdenschutzhunde)
  • Eine etwas kleinere Kulisse (30 km Radius um Nachweise), in der die Anschaffung von Herdenschutzmaterial gefördert wird (Förderkulisse Zäune)
  • Eine etwas kleinere Kulisse (15 km Radius um Nachweise), in der der Herdenschutz nach einer Übergangsfrist von einem Jahr Bedingung für etwaige Ausgleichszahlungen bei Übergriffen auf Nutztiere ist (Wolfsgebiete i.S.d. Schadensausgleichs)
 
Die aktualisierte Förderkulisse: Förderrichtlinie ‘Investition Herdenschutz Wolf’ (FöRIHW) – LfU Bayern
 
Nutztierhalter, deren Weiden innerhalb der Kulisse liegen, können sich Herdenschutzmaßnahmen fördern lassen. Anträge können ab sofort bei den zuständigen Ämtern für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) gestellt werden: www.stmelf.bayern.de/agrarpolitik/foerderung/244077/index.php
 
Schäden, die Nutztierhaltern durch Wolfsrisse entstehen, können durch den Ausgleichsfonds Große Beutegreifer kompensiert werden:
www.lfu.bayern.de/natur/wildtiermanagement_grosse_beutegreifer/ausgleichsfonds/index.htm
 
Das LfU erweitert die Förderkulissen, wenn es in Gebieten außerhalb der bestehenden Wolfsgebiete zu Nutztierrissen oder vermehrten Anzeichen für eine Wolfspräsenz oder Paarbildung kommt. Derzeit enthält die Förderkulisse acht solcher “Ereignisgebiete”, von denen einige für das Jahr 2021 übernommen werden, während andere entfallen. 
 
Hinweise zu Wolf bitte melden:
Bayerisches Landesamt für Umwelt, Referat 53 – Landschaftspflege, Wildtiermanagement
 
www.lfu.bayern.de/natur/wildtiermanagement_grosse_beutegreifer/hinweise_melden/index.htm
 
 

 

 

Europäischer Luchs (Lynx lynx lynx)

 

Felines Immundefizienz Virus Luchs

 

Luchsverbreitung in Deutschland: 2018/2019

 
Das BfN veröffentlichte die Ergebnisse der jährlichen Erhebung der Bundesländer für das Monitoringjahr 2018/2019 in einer Verbreitungskarte samt Erläuterung. Insgesamt konnten 137 Luchse, davon 88 selbständige (halbwüchsig und erwachsen) Luchse sowie 49 Jungtiere, in Deutschland nachgewiesen werden. 

 

 

Bayerisches Luchsmanagement: Leichte Zunahme der Bestandszahlen 

 
Für das Monitoringjahr Mai 2018-April 2019 wurden 60 selbständige Luchse (erwachsene und halbwüchsige) sowie 26 Jungtiere nachgewiesen. Ein Großteil dieser Tiere ist grenzüberschreitend im Dreiländereck Deutschland/Tschechien/Österreich unterwegs. Überwiegend in Bayern leben davon 49 Luchse einschließlich 17 Jungtiere. Ein wichtiger Gradmesser für den Zustand der Population sind die Weibchen mit Nachwuchs: Das sind im zurückliegenden Monitoringjahr 11 Weibchen und somit gut ein Drittel der festgestellten selbständigen Luchse. Nach vielen Jahren der Stagnation ist eine leichte Zunahme und Ausbreitung des Bestandes erkennbar: Im Vergleich zum letzten Monitoringjahr (1.5.2017-30.4.2018) von 26 auf 32 Selbständige bzw. von 15 auf 17 Jungtiere. 

 

Das Luchsvorkommen in Ostbayern ist eine von 3 Populationen deutschlandweit. Trotz der leicht positiven Entwicklung bleiben Luchse stark gefährdet. Ob dieser Trend anhalten wird, ist von der Höhe der menschlich bedingten Mortalität abhängig: dazu zählen Verluste durch Straßenverkehr aber vor allem durch illegale Tötung. Die illegale Nachstellung ist die Hauptgefährdungsursache aller mitteleuropäischen Luchspopulationen. Ihr Ausmaß ist jedoch in Bayern besonders gut untersucht, da mit dem Einsatz von Fotofallen das plötzliche Verschwinden insbesondere reviertreuer Luchse schnell offensichtlich wird. 
 
Um ein Gesamtbild der Verbreitung über die Ländergrenzen hinweg zu erhalten, starteten Deutschland, Tschechien und Österreich 2017 das Projekt 3Lynx innerhalb des EU-Förderprogramms Interreg Central-Europe mit elf Projektpartnern. Ein Monitoringsystem mit Wildkameras wurde auf einer Fläche von 13.000 km² aufgebaut. Um Doppelzählungen zu verhindern und Wanderungen grenzüberschreitend zu erfassen, werden die gewonnenen Daten von Wissenschaftlern aller Projektpartner gemeinsam ausgewertet. Für ein effektives Luchsmanagement sind Abstimmungen über die Staatsgrenzen hinweg notwendig. Eine länderübergreifende Schutzstrategie soll dazu beitragen, die Lebensraumsituation für die Tiere zu verbessern und illegale Nachstellungen weiter zu reduzieren.

 

 

Oktober 2020: Luchs auf Roter Liste als “Vom Aussterben bedroht”

 
Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) hat kürzlich die Rote Liste der Säugetiere neu aufgelegt. Der Luchs ist darin als “Vom Aussterben bedroht” eingestuft. Das ist eine Verschlechterung im Vergleich zur Roten Liste vom Jahr 2009, als der Luchs “stark gefährdet” eingestuft war. “Vom Aussterben bedroht” trägt der schlechten Bestandssituation und Bestandsentwicklung beim Luchs in Deutschland Rechnung. In keinem seiner Vorkommensgebiete gibt es Bestände mit deutlichen Zunahmen. Vom Harz aus breiten sich einzelne Luchse zwar aus und auch das 2016 gestartete Wiederansiedlungsprojekt im Pfälzerwald trägt deutschlandweit gesehen zu einer leichten Zunahme der Individuenzahlen bei. 
 
Die Gefährdungsursachen sind vielfach bekannt. Sie hängen immer mit den Nutzungsaktivitäten der Menschen zusammen: Wildunfälle, illegale Tötungen oder Fragementierung von Lebensräumen durch Verkehrs- und Siedlungsachsen, so dass die Vernetzung der bestehenden Vorkommen behindert oder unmöglich ist. Das alles hat Folgen für die Überlebensfähigkeit der Luchspopulationen: Sie bleiben klein und isoliert. Und sie sind damit stark inzuchtgefährdet.
 
Es liegt auf der Hand, wo angesetzt werden muss: Von alleine geht nichts, nur Zuschauen und Warten bis der Luchs es vielleicht von alleine schafft, reicht nicht mehr aus. Der Luchs braucht aktive Hilfe und Unterstützung, wie eine aktive Bestandsstützung in Bayern! Hierfür müsste aber erstmal der Managementplan Luchs geändert und neu aufgelegt werden… Projekte wie im Pfälzerwald oder im Steinwald zeigen jedenfalls, wie es gehen kann. Viel mehr solcher Projekte sind in Zukunft notwendig, um den Luchs auch für nachfolgende Generationen in Deutschland zu erhalten! 
 

 

Nachwuchs

 

Lkr. Tirschenreuth, Steinwald, 23.10.2020: Luchsweibchen „Fee“ mit 3 Jungtieren, Steinwald (Wildkamera). Muttertier aus Population Bayerischer Wald: verwaist aufgefunden und gesundgepflegt, um 2016 im Steinwald wieder freigelassen zu werden. Vatertier vermutlich Luchsmännchen aus Harzer Population: „Iwan“. Dieser machte seinem Namen alle Ehre: “Ivan, der Schreckliche” verletzte Luchs “Hotzenplotz” (ebenfalls Waise aus dem BW) bei Revierkämpfen so schwer, dass dieser an seinen Verletzungen im März 2019 starb. Ivan zeigte sein Territorialverhalten auch dadurch, dass er Hauskatzen angriff. Fee und Iwan waren zur diesjährigen Paarungszeit die einzigen Luchse im Steinwald und gelten als die Eltern der Jungtiere. Es sind die ersten Nachkommen zweier unterschiedlicher Luchspopulationen in Deutschland. Die Meldung des ersten Luchsnachwuchses im Steinwald wurde positiv aufgenommen. Die Güterverwaltung Friedenfels kündigte bereits an, zur Unterstützung der Luchsfamilie die Bejagung von Rehwild anzupassen.

 

Tot aufgefundene Individuen

 
Fichtelgebirge im Steinwald, 23.10.2020: Jäger erschoss Kuder und erstattete Selbstanzeige, da er ihn mit einem Wildschwein verwechselt haben soll. Untersuchungen hierzu laufen. Das tote Luchsmännchen ist mit hoher Wahrscheinlichkeit der aus dem Harz zugewanderte Vater der Jungtiere.

 

 

Weitere Hinweise/Sichtungen

 

Fichtelgebirge, 14.08.2020: Jungluchs “Julchen” war im Juli 2019 im Oberpfälzer Wald umherirrend aufgegriffen worden. Die wochenlangen Versuche, sie ihrer Mutter zurückzuführen waren nicht von Erfolg gekrönt. Weil sie noch so jung war (7-8 Wochen), war eine besondere Pflege und Fütterung notwendig. Sie behielt ihre bemerkenswerte Aversion gegenüber Menschen. Eine gute Voraussetzung, sie wieder in die Wildnis zu entlassen. In einem extra dafür errichteten Gehege im Forstbetrieb Fichtelberg wurde sie vor ihrer Wiederfreilassung einige Wochen eingewöhnt. 

 

Oberallgäu, Balderschwang, 18.03.2020: Im Naturpark Nagelfluhkette wurde ein Luchs durch eine Fotofalle erfasst. Dies ist der zweite Nachweis eines Luchses in den Allgäuer Alpen. Februar/März 2019, wurde ein Luchs ebenfalls bei Bad Hindelang abgelichtet. Aber festzustellen, ob es sich um dasselbe Individuum handelt, ist wegen der schlechten Bildqualität leider nicht möglich. Der Ursprung der Luchse liegt sehr wahrscheinlich in Vorarlberg, Österreich, wo 2017 erstmals eine Luchsfamilie mit 3 Jungtieren nachgewiesen wurde. Ende Februar 2020 tappte zudem im österreichischen Walsertal bei Buchboden ein Luchs in eine Fotofalle, rund 25 Kilometer Luftlinie südlich von Balderschwang. Gut möglich also, dass die Luchse Abkömmlinge dieser einen Vorarlberger Luchsfamilie sind.

 

Weitere Informationen zum Luchs in Bayern: www.luchsprojekt.de

 

 

Europäischer Braunbär (Ursus arctos arctos)

 

17.02.2020: Bestätigter Hinweis auf bayerischen Braunbären
 

Bestätigter Hinweis auf einen Braunbären durch Trittsiegel im Schnee (Quelle: Bayerisches Landesamt für Umwelt)

 

Im Februar hat ein Braunbär im Grenzgebiet zwischen Bayern und Tirol Trittsiegel im Schnee hinterlassen. Die Spuren im Lkr. Garmisch-Partenkirchen wurden von einem Mitglied des Netzwerks Große Beutegreifer gemeldet.
 
2019 gab es Juni-Oktober mehrfach Nachweise eines Braunbären im Gebiet zw. Reutte (Tirol) und Lkr. Garmisch-Partenkirchen. Es ist möglich, dass alle Spuren von einem einzigen Tier stammen. Der Bär verhielt sich sehr scheu und unauffällig. Behörden, Interessenverbände und Vertreter von Nutztierhaltern wurden informiert. Bayern ist mit einem Managementplan auf diese Situation vorbereitet.

 

Bärige FAQs:
So ist es bei Aufenthalten in der Natur z.B. auf einem Wanderausflug wichtig, sehr genau darauf zu achten, in der Natur keine Essensreste und keinen Müll zurückzulassen. Die nächste Bärenpopulation befindet sich im italienischen Trentino, etwa 120 km von Bayern entfernt. Dort leben zurzeit etwa 60 Bären, mit leicht steigender Tendenz. Eine Bärenpopulation breitet sich nur sehr langsam aus. Es wird nicht davon ausgegangen, dass Bären sich in Bayern dauerhaft ansiedeln. Vor allem halbwüchsige Bärenmännchen bewältigen auf der Suche nach einem eigenen Territorium oft weite Strecken. Aus dem Kerngebiet nördlich des Gardasees wandern immer wieder einzelne Tiere in den nördlichen Alpenraum, wie 2016 nach Graubünden und Tirol oder 2006 nach Tirol und Bayern. Finden sie keine Partnerin, kehren sie in der Regel wieder an ihren Ursprungsort zurück.

 

Autorin Franziska Baur mit einem der führenden Wissenschaftler der großen Beutegreifer in Bayern: Dr. Marco Heurich – und dazwischen ein nicht mehr so lebendiger Zeitgenosse, ein Braunbär.

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Herdenschutz in der Schweiz

Wer hat´s erfunden? Die Schweizer wohl nicht, zumindest nicht dieHerdenschutz in der Schweiz pauschal gültige Allheilmittel-Lösung. So muss jede Region doch selbst ihre Möglichkeiten wieder-erfinden. Dennoch lohnen sich Blick und Austausch über Landes- und Fachgebietsgrenzen immer.

Exkursionsbericht Schweizer Alm Garus/St Gallen

Die Herdenschutzexkursion Ende August im Rahmen des Euro Large Carnivore Projects in die Schweiz gab gute Einblicke in den praktischen Umgang mit Weidewirtschaft im alpinen Bereich im Allgemeinen und Herdenschutzmaßnahmen im Besonderen. In der Schweiz wird seit Jahren die Umstellung des Weidesystems gefördert. Noch vor dem Wolf war es aus vielen anderen Gründen erwünscht eine gute Weideführung mit Umtriebsweiden oder Hirten umzusetzen, weg von der Standweide. Für Mehraufwand und -kosten gibt es zusätzliche Förderungen. So hat sich manch ein Betrieb bereits vor dem Thema Herdenschutz mit einer Anpassung seiner Weidewirtschaft befasst.Herdenschutz in der Schweiz
Im bayerischen Alpenraum gilt die Sorge der Rinderhaltung. Schafhaltung spielt hier kaum eine Rolle. In der Mehrzahl werden auf bayerische Alpen und Almen Jungrinder aufgetrieben, hinzu kommen Mutterkuhherden oder Milchkühe. Schnell heißt es, man könne die Strukturen, landwirtschaftlichen Systeme, Förderung etc. nicht vergleichen und folglich bei uns nicht umsetzen. Das mag teils zutreffen. Die Beispiele und Erfahrungsaustausch mit anderen Gebieten können aber auch inspirieren sich weiterhin Gedanken dazu zu machen, welche Voraussetzungen es bei uns braucht, was bei uns umstrukturiert und geändert werden muss, um bestmöglich in die Zukunft zu gehen. Und das betrifft nicht nur den Herdenschutz, sondern allgemein die Zukunftsfähigkeit der Landwirtschaft, insbesondere der Weidetierhaltung. Krisen zeigen immer Schwachstellen auf. Diese wird der eine nicht mehr angehen wollen, andere können es als Chance nutzen.

Untenstehend werden die Referate des ersten Tages zusammengefasst. Tag zwei und drei war ganz der Praxis gewidmet. Wildhüter, Almbetreiber und Hirten begleitenden die Gruppe durch die Tage, informierten aus erster Hand und standen für zahlreiche Gespräche zur Verfügung.

Die Referate am ersten Tag gaben einen gute Rundumschlag über Herdenschutz in der Schweiz. Die Exkursionen in den darauffolgenden Tagen ermöglichten Betriebs/Almbesichtigungen und Infos aus erster Hand von den Bewirtschaftern, Herdenschutzhundehaltern und -züchtern, Hirten und Wildhut.Herdenschutz in der Schweiz

Fachlicher Input – Referate

Am ersten Seminartag stellten verschiedene Referenten ihre Fachgebiete vor und gaben einen guten Einstieg in die Thematik Herdenschutz und Umgang mit Wild- und Weidetieren in der Schweiz.

Ralph Manz von KORA berichtete über die aktuelle Situation und das Monitoring der Wölfe in der Schweiz. KORA hat den offiziellen Monitoring Auftrag, leistet Informationsarbeit und ist beteiligt an Fortbildungen bspw. der Wildhut in der Schweiz. In der Schweiz hat nur die Berner Konvention Gültigkeit (Report alle 2 Jahre). Es gibt keine FFH Berichtspflicht, wie in Deutschland. Nach dem Bundesjagdgesetz müssen die Kantone eine Statistik über die wichtigsten Wildarten und deren Abschuß führen. Eine Vielzahl von Methoden kommt beim Monitoring zum Einsatz. Neben klassischen Fotofallen oder Genetik an Rissen wird auch über Akustik (provoziertes Heulen, Aufnahme von Heulen/Sound-Monitoring zur Rudelbestätigung) eine erste Einschätzung gesammelt. Genetisches Material wird von ansässigen und durchziehenden Wölfen gesammelt, ebenso von den Welpen. Interessant war die Aufstellung der einzelnen Probetypen: Gewebe, Kot, Blut, Urin, Haar. Die Auswertbarkeit lässt massiv nach. Bei Haar Proben ist sie nur noch bei 17% auf Art-Niveau und 4% bei der Individualisierung.  Auschlaggebend für gute, auswertbare Proben ist natürlich auch die Probennahme und die Lagerung.

Herdenschutz in der Schweiz

Herdenschutz in der Schweiz: Geisen Sömmerung in der Schweiz – mühsam, aber machbar.

Bekannt sind in der Schweiz derzeit 8 Rudel und 5 Paare (Stand Juli 2020). Obwohl Einzeltiere bereits seit Ende der 1990er Jahren nachgewiesen wurden kam es erst 2012 zur ersten Rudelgründung.

2019 wurden 420 Nutztierrisse entschädigt. Herdenschutzmaßnahmen minimieren Übergriffe, können sie auch verhindern. Ungeschützte Herden sind immer eine leichtere Beute. Derzeit läuft ein Kooperationsprojekt zwischen AGRIDEA und KORA zur Rissanalyse (Situationen, Maßnahmen, Umstände, tote Tiere, Verortung…) der letzten Jahre.

Riccarda Lüthi (Agridea CH) sprach über technischen Herdenschutz und Sofortmaßnahmen. Sie stellte die unterschiedlichen Zonen der Weidewirtschaft vor (Sömmerung, tiefere Lagen mit Landwirtschaftlicher Nutzung, Winterweiden im Tal) und deren mögliche Systeme (verschiedene Zäune, Behirtung). Ein viel diskutiertes Thema: Zäune, Zaunhöhe und Überwinden durch den Wolf. In den meisten Fällen inspizieren diese die Zäune unten, bodennah und suchen hier einen Durchschlupf, was Praxis und Versuchsanordnungen zeigen. Nichts desto trotz können sie lernen darüber zu springen und dann sind nahezu alle Zaunhöhen überwindbar. Ziel muss es also sein bei den Erstkontakten nachhaltig schlechte Erfahrung zu generieren, so dass die „Idee“ des Überspringens nicht aufkommt. Auch die Optik spielt eine Rolle. Hier haben sich kontrastreiche Weidenetze bewährt, die für Wildtiere und Nutztiere jeder Art besser sichtbar sind. Orange/Rot/Grün, wie viele Weidenetze bisher sind, ist für die meisten Tiere nicht gut wahrnehmbar. Auch Flatterbänder in blau/weiß helfen Herdenschutz in der SchweizHinternisse wahrzunehmen. Dies ist auch für Zwischenfälle mit anderen Wildtieren (Rehwild, Sauen), die potentiell hängen bleiben könnten oder die Zäune einreißen, wichtig.

Agridea CH hält Einiges an Infobroschüren für Weidetierhalter bereit.

Ein Zaun ist nur so gut, wie seine einzelnen Komponenten. Anschaulich beschrieb Riccarda Lüthi auf was geachtet werden muss: Sorgfältiger Aufbau und Pflege, angepasstes/geeignetes Weidezaungerät, dazu passende Erdung, Sichtbarkeit, Tore, Reparaturen.

Als Grundschutz gelten Fixzäune (4 Litzen, Knotengitter mit zusätzlichen Stromlitzen unten und oben) und mobile Zäune (4 Litzen, Netze 90cm). Bei Litzen sollte der Bodenabstand der untersten Litze max 20cm sein. Die Empfehlungen in der Schweiz gehen zu 5 Litzen und Netzen mit min. 105cm Höhe. Knotengittergeflecht sollte immer zusätzlich zwei stromführende Litzen (unten und oben) haben. Bayern orientiert sich weitestgehend an diesen Empfehlungen und Vorgaben.  (Richtlinien/Merkblatt Herdenschutz Bayern hier.)

Des Weiteren ging es im Vortrag um Finanzierungen in der Schweiz.

Welche Maßnahmen können auf Alpen ergriffen werden und welche Punkte sollten bei der Einrichtung eines Nachtpferches berücksichtigt werden? Angefangen vom Aufbau, Bodenbeschaffenheit, Schutzmöglichkeit bis hin zur zentralen Lage, so dass die Tiere von verschiedenen Weidebereichen dahin getrieben werden können. Diese hoch frequentierten Bereiche sind nicht unkritisch zu sehen. Automatisch wächst hier der Parasitendruck und die Beanspruchung der Grasnarbe. Auch Infektionskrankheiten oder Zunahme bei Lämmern muss beobachtet und berücksichtigt werden. Durch geeignete Maßnahmen (Umsetzen der Weidefläche beispielsweise) muss hier interveniert werden. Fress- und Ruhezeiten müssen beachtet werden, was ohnehin bei einer guten Weideführung (zumal mit Berücksichtigung Zuwachs und Tiergesundheit) erfolgt.

Von 2003 bis 2011 gab es eine mobile Einsatztruppe Herdenschutz die Sofortmaßnahmen bei Wolfspräsenz bzw. nach Rissen ermöglichte. Der Einsaz von Hirten und Hunden wird noch heute u.a. über Agridea koordiniert. Seit 2010 gibt es auch Stellen für Zivildienstleistende bei der Umsetzung von Herdenschutzmaßnahmen.

Heinz Feldmann (Beratungsstelle Unfallverhütung Landwirtschaft) sprach über Unfall- und Konfliktvermeidung. Mit einigen Beispielen erläuterte er seine Arbeit und zeigte kritische und vermeidbare Situationen auf Betrieben. 65.000km Wanderweg führen durch die Schweiz. Hier treffen Landnutzer, Freizeitsportler und Erholungssuchende aufeinander.  Zur Unfallverhütung beim Einsatz mit Herdenschutzhunden (HSH) werden drei Stufen beurteilt: Hundequalität, geregelter Einsatz und Überwachung der HSH.

Hundequalität: offizielle geförderte und geprüfte Hunde. (Anmerk.: es gibt auch in der Schweiz selbst organisierte HSH, diese fallen dann aber aus dem System heraus, auch hinsichtlich rechtlicher Regelungen, Rechtsunterstützung, Finanzierung etc.)
geregelter Einsatz: konkrete Vorgaben und Regeln über die Beratungsstelle, um Konflikte möglichst zu minimieren. Bspw: Klärung und Beratung darüber, ob Wege zeitweise umgeleitet werden können. Fütterungsplätze der Hunde müssen sorgsam ausgewählt werden, um z.B. Verteidigung und Konkurrenzverhalten zu vermeiden.
Überwachung der Hunde, um Probleme mit Einzeltieren oder in der Zucht rechtzeitig zu erkennen und zu lösen.

Sinn, Zweck und Ziel der Herdenschutzhunde ist, fremde Tiere weitestgehend aus „ihrer“ Herde fernzuhalten. Sollte eine Haltung von Herdenschutzhunden überhaupt notwendig und gewollt sein, werden einige Punkte zuerst abgeklärt: Weidepläne müssen vorliegen, Standorte, Betriebsdaten/Adresse und der Bericht des zuständigen Herdenschutzbeauftragten.

Die Beratungsstelle erhebt dann zwingende Maßnahmen und empfohlene Maßnahmen zur Konfliktminimierung. Bei  Begehungen vor Ort sollen bestmöglich Konfliktpunkte erfasst und mit Maßnahmen minimiert werden: angefangen von Kennzeichnung und Information für Wanderer über die Weide und Schutzmaßnahmen bis zu temporärer Wegeumleitung, Vorgaben für Fütterungsstellen der Hunde etc. An zentralen Stellen können Wanderer hingewiesen werden und Alternativrouten vorgeschlagen werden. Infotafeln und Infomaterial über die Arbeit der Herdenschutzhunde, ihr Verhalten und das angemessene Verhalten der Wanderer liegt aus (Tourismus, Gemeinde) und wird im Gelände an entsprechenden Stellen auf Tafeln kommuniziert.

Auch Aushilfen auf dem Betrieb und Hirten sollten den Einführungskurs Herdenschutzhunde besucht haben. Sie müssen in die Regelungen auf ihrem Betrieb dazu eingewiesen sein und dies Umsetzen. Der Betrieb trägt die Verantwortung dafür. Mit der Beratung und den Maßnahmen sollen weitestgehend Probleme verhindert werden und den HSH Haltern eine Rechtssicherheit gewährleistet sein.

Sven Baumgartner (Landw. Zentrum SG Fachstelle Herdenschutz/ Kleinvieh) berichtete über Hintergründe der Schafsömmerung in der Schweiz.  35 der 420 Sommerungsbetriebe werden mit Schafe bestoßen. 11.000 Schafe werden hier aufgetrieben. (Anmerkung: In Bayern sind es etwa 3000.) Auf 17 Alpen werden 1700 Ziegen aufgetrieben. Die meisten der Schafalmen sind Umtriebsweiden mit teilweiser Behirtung. Je nach Herdengröße und Bewirtschaftung werden unterschiedliche Herdenschutzmaßnahmen empfohlen, beginnend bei stromführenden Zäunen (dauerhaft, als Nachpferch) bis hin zum Einsatz von Herdenschutzhunden und Hirten.
Mit den Betrieben werden grundsätzliche Strukturen (Bewirtschaftungssystem, Tiergesundheit, -qualität, Weidemanagement, Technik, mögliche Herdenschutzvarianten, Datenbanken) besprochen, die u.U. auch positive Auswirkung auf die Gesamtwirtschaftlichkeit und Arbeitseffektivität haben.

Mit der Nutzung einer extra Datenbank können Daten der Alpen erfasst und aktuelle Wolfsmeldungen schnell übermittelt werden. Auch die Beratung, Rissvorfälle etc. werden hier dokumentiert.

Bei Wolfssichtungen oder anderem Nachweis über Kot, Risse, Fotofalle wird über die Wildhut und E-SMS System informiert. Schutzmaßnahmen können dann nochmal nachkontrolliert bzw. (temporär) eingerichtet werden. Die Info geht mit einer direkten Rufnummer für Rückfragen/Hilfe an alle Almbetriebe der betreffenden Region.

Über das landwirtschaftliche Fachzentrum wird Herdenschutzberatung/Alpberatung (eingebettet in den Betrieb) angeboten, ebenso die Unterstützung bei der Umsetzung (Material, Personal), wobei letzteres grundsätzlich Aufgabe des Betriebes ist. Möglicherweise anstehende Sofortmaßnahmen werden über das Fachzentrum eingeplant, das Material vorab bestellt.

Wer sich für Bayerische Alpen und Almen interessiert finden einen guten (wenn auch nicht mehr ganz aktuellen) Überblick hier im Almbuch von 2010.

Herdenschutz in der Schweiz – Hier noch der Link zum Beitrag des WWF über die Exkursion Herdenschutz in der Schweiz.


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“Kommt der Wolf, stirbt die Weide” – nicht

 

Die Weidewirtschaft in Bayern hat schwere Zeiten. Obwohl eine der artgerechten Haltungsformen von Nutztieren werden Aufwand und Kosten durch Politik, Gesellschaft und Wirtschaft wenig gewürdigt. Kommt nun noch die Anwesenheit von Wölfen hinzu wird es nicht leichter – aber Schuld am Sterben der Weidewirtschaft trägt der Wolf nicht.

Im bayerischen Alpenraum gab es dieses Jahr einige Hinweise und Nachweise von einzelnen Wölfen. Es kam zu fünf Rissenereignissen an Schafen in Bayern. So ist

Weidetiere

Geißen Sömmerung in der Schweiz – mühsam, aber machbar.

der Wolf auch in diesen Regionen wieder ein Thema. Damit einher geht die Diskussion über den Schutz der Weidetiere.

Es gilt als gute fachliche Praxis Weidetiere so einzuzäunen, dass sie nicht ausbrechen können und keine Gefahr für andere darstellen. Hinzu kommt nun die Sorge, dass eben diesen Weidetieren auch nichts durch Eindringlinge von außen zustößt. Gerade im Alpenraum, in dem eine Almbeweidung weit verbreitet ist, sind Schutzmaßnahmen oft nur mit gegenseitiger Rücksicht und Kompromissen möglich – siehe alljährliche Probleme mit Hunden oder zwischen Rind und Wanderer.

Beweidung wird über verschiedene Programme gefördert. Sie dient gerade im Alpenraum dem Wunsch nach Erhalt der freien Landschaft. Zum einen, gerade bei gut geführten Weiden, haben Weideflächen ein hohes Potential artenschutz- und naturschutzfachlich interessant zu sein. Andererseits prägen sie auch die touristisch vermarktete Landschaft mit freiem Blick und Glockengeläut.

Mit der Anwesenheit von Raubtieren wie dem Wolf müssen Schutzmaßnahmen ergriffen werden, möchte und muss man seine Weidetiere bestmöglich durch die Weidesaison führen. Die Maßnahmen können sehr vielfältig sein, der Aufwand und Methode variieren je nach Weidetierart, Landschaft und Notwendigkeit. Zweifelsohne werden Tierhalter, die sich nicht mit Herdenschutzmaßnahmen oder anderen Herdenmanagement auseinandersetzen möchten, früher oder später ihre Weidetierhaltung aufgeben. Ob der Wolf dann der alleinige Grund ist darf bezweifelt werden.

“Kommt der Wolf, stirbt die Weide”. Der Satz macht keinen Sinn. Sterben können Beutetiere wie Reh, Rothirsch oder Schaf. Weideflächen können kaum sterben, sie ändern ihre Erscheinungsform, gibt man die bisherige Bewirtschaftung auf. Damit verschwinden sie dann, wenn man so will. Und auch dies gilt es abzuwarten.

Natürlich kann man in jeder Veränderung einen großen unübersteigbaren, bedrohlichen Berg sehen. Man kann “den letzten Tropfen auf den heißen Stein” aber auch als Chance begreifen seit langem schwelende Probleme anzugehen, anzusprechen, Gehör finden und bestmöglich zu lösen.

Wir informieren auf unserer Seite www.bayern-wild über Wolf und Weidetier, die Problematik und mögliche Wege Weidenutzung trotz Wolfspräsenz umzusetzen.

 


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Der Wolf in Bayern – Schutzmaßnahmen nicht praktikabel

Gedanken zu einem von vielen Zeitungsberichten über aktuelle Risse in Bayern

Ist jeder Wolf eine Meldung wert?

Es ist immer eine Gradwanderung: ist jeder Hinweis auf einen Wolf auch

Schutzmaßnahmen vor dem Wolf

(Bild: Gehegeaufnahme Tierfreigelände Neuschönau, R. Simonis)

eine Meldung wert? Zunächst möchte man meinen: Ja. In Regionen in denen bislang keine Wölfe auftauchten (bzw. sich bemerkbar gemacht haben) ist es immer eine kleine Sensation. Artenschützer freuen sich über die Rückkehr, Tierhalter fühlen sich überrumpelt und alleingelassen, die Bevölkerung ist teils verunsichert, ob er auch Auswirkungen auf ihr Leben haben könnte. All dies hat seinen Grund und Berechtigung. Andererseits: es ist wenig überraschend, dass sich Wölfe auch in Bayern niederlassen, dass Einzeltiere das Land durchwandern und dass sich die Meldungen dieses Jahr häufen. Nicht jeder Wolfsmeldung ist mit toten Weidetieren verbunden. Dennoch ist es gerade in den Anfangszeiten von Wolfs-Neubesiedelungen wichtig die Gesamtbevölkerung (aber auch immernoch Weidetierhalter) zu sensibilisieren, dass dies passieren kann.

Auf all die Befürchtungen, Sorgen, Halbwahrheiten jeglicher Couleur, Theorien und Weissagungen möchten wir hier nicht weiter eingehen. Aber vielleicht können wir ein wenig Hilfestellung zum eigenen Einholen von Informationen geben.

Die Berichterstattungen dient welchem Zweck?

Anlass hat uns einer der vielen Zeitungsartikel gegeben. Hierin wird beschrieben wie sich ein Mitglied des bayer. Landtages (MdL) vor Ort über einen Rissvorfall informierte. Das begrüßen wir sehr. Leider werden Schwierigkeiten in der Weidetierhaltung erst politisch wahrgenommen und (publikumswirksam) aufbereitet, wenn der schlimmste Fall eingetreten ist. Auch die Berichterstattung und Wortwahl manch eines Journalisten lässt fachliche Sachlichkeit vermissen. Nun gut, der Vorwurf wird wohl immer von irgendeiner Seite gemacht.

Wölfe in Bayern. Mit ihrer Wiederkehr wird auch die Diskussion um das Vorgehen bei “Problemfällen” lauter. (Foto: R. Simonis)

In diesem Artikel wird ein Fass nach dem anderen geöffnet. Von todbringendem Räuber (Wolf) ist die Rede, die Zukunft der Almwirtschaft stünde mittelfristig vor dem Aus und damit ein Stützpfeiler des bayerischen Tourismuskonzeptes. Das Verhalten aller Raubtiere bringt es mit sich, dass sie töten um sich zu ernähren. Die Almwirtschaft steht tatsächlich – neben vielen anderen Baustellen – mit der Anwesenheit von Raubtieren vor einem großen Stück Arbeit. Ob und inwieweit das den Tourismus beeinflusst bleibt abzuwarten. ( Hierzu beispielweise das Gutachten der BoKu Wien  in dem es u.a. um das Freizeitverhalten geht: https://boku.ac.at/fileadmin/data/H03000/H83000/H83200/Publikationen/BOKU_Berichte_zur_Wildtierforschung_23.pdf)   Beides wird selbst mit dauerhaft anwesenden Wölfen nicht vor dem endgültigen Aus stehen. Ohne Frage werden sich andere Umstände auftun, die angegangen werden müssen.

„Weideschutz muss zumutbar und praktikabel sein“

Wir hoffen, dass aus vor Ort Terminen der Politik auch Umsetzungen für die Weidetierhalter erfolgen. Im Artikel ist die Rede davon, dass die Weideschutzkommission Schutzmaßnahmen beim betroffenen Schafhalter für nicht praktikabel hält. Wer ist diese Weidetierkommission und nach welchen Kriterien entscheidet sie? Wir stimmen dem zu: Weideschutz muss zumutbar und praktikabel sein. Aber nach welchen Kriterien? Mit hohen Summen und großem Einsatz kann fast überall Herdenschutz umgesetzt werden. Die Frage ist nur bis zu welchem Punkt (in erster Linie vermutlich eine Frage des Geldes) man gehen will.

Der betroffenen Tierhalter informierte laut Zeitungsbericht darüber, dass für seine Flächen ein bis zu 20.000 € teurer 140cm hoher Schutzzaun mit permanenter Stromführung gebaut werden müsse. Dieser müsse auf Grund der Schneelast im Winter abgebaut werden, im Frühjahr wieder aufgebaut werden. Wie der derzeitige Zaun aussieht geht aus dem Artikel nicht hervor.

Zweifelsohne ist das ein hoher Aufwand. Ist das ein Grund die Zäunung als unpraktikabel einzustufen? Was bedeutet das de facto für die Weidetiere? Werden sie weiterhin auf diese Flächen aufgetrieben besteht die hohe Wahrscheinlichkeit wieder Opfer eines Angriffes zu werden, vielleicht haben sie Glück, bei dem Wolf handelt es ich um einen Durchzügler und er taucht nicht wieder auf. Vielleicht aber auch nicht. Das ist tragisch für Tier und Halter. Und Wolf.

Abschuss der Wölfe schützt nicht vor neuen Rissen

Durch diese Einstufung „unschützbarer“ Weidegebiete erhofft man sich eine leichtere Genehmigung zum Abschuss des verursachenden Wolfes.  Ja, ein toter Wolf richten schonmal keinen Schaden mehr an. Zieht er weiter, dann gelingt ihm der Riss an einer Herde 50 Kilometer entfernt. Gelernt hat er da bereits möglicherweise: Schaf ist leichte Beute. Das als unschützbar eingestufte Gebiet, bleibt weitestgehend ungeschützt und der nächste Wolf hat wieder leichtes Spiel. Weder dem Schafhalter noch den Schafen ist damit geholfen. Gleiches passiert, wenn Wolf Nummer 1 in der Region bleibt und tatsächlich getötet werden sollte. Es ist eine Frage der Zeit, bis es einem Nachfolger auffällt, dass Weidetiere ohne Hindernisse leicht erbeutet werden können. Wölfe töten ist kein Herdenschutz. Der Managementplan sieht bereits jetzt vor, dass für uns problematische Wölfe getötet werden können. Und zum Wohle der Bevölkerung, aller anderen Wölfe und (nach bestmöglichen zuvor erfolgten Schutzmaßnahmen) auch der Weidetiere steht nichts dagegen.

Die Einstufung „unpraktikabler Herdenschutz“ darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Weidetierhalter vor einem ernsten Problem stehen und ihnen im Zweifel nicht damit geholfen ist, wenn sie in einem derartigen Gebiet ihre Tiere auftreiben. Vielmehr muss die Forderung sein bei Umsetzungen des Herdenschutzes alles in Bewegung zu setzen.

Herdenschutzhunde sind nicht ohne

Ein Herdenschutzhund (HSH) kostet 1000€ Unterhalt pro Jahr berichtet der

Portrait of Maremma Sheepdog, Shepherd dog Maremmano Abruzzese.

Schafhalter dem MdL. Tatsächlich ist das wohl sogar niedrig gerechnet. Nach unserer Info von HSH Haltern liegen die Unkosten (Futter, Tierarzt, Versicherung etc.) höher. Nicht jeder Herdenschutzhund fällt in die Kategorie Kampfhund, für die Haltung dieser Hunde muss ohnehin eine Sondergenehmigung erfolgen. Damit ist ein Sachkundenachweis zwar sinnvoll und in Bayern auch in Planung. Notwendig ist er aber bislang nicht. Dass ein HSH erst ab einer Herdengröße von 50 Weidetieren sinnvoll ist, stimmt so nicht. Sinnvoll im Sinne des Herdenschutzes ist er immer, wenn er seine Herde beschützt, egal wie viele Tiere. Sinnvoll im Sinne einer Wirtschaftlichkeit ist der Einsatz vermutlich erst mit zunehmende Stückzahl oder Wert der Tiere. Es ist immer der Einsatz von min. 2 Hunden empfohlen.

Die Bedenken des Schafhalters bei der Haltung von Herdenschutzhunden bezüglich Unterbringung/Beschäftigung im Winter, Umgang mit Wanderern oder anderen Weidetieren sind nicht von der Hand zu weisen. Auch muss der Halter mit dieser Art Hunde umgehen können und wollen.

Gehört werden müssen auch die Begleiterscheinungen bei Verlusten der Tiere. Die Ausgleichszahlung ersetzt nicht unmittelbar ein Tier, wenn Lieferverträge erfüllt werden müssen. Das gleiche Problem hat der Schafhalter, wenn Tiere unerwartet (Unfall, Krankheit) eingehen.

Wer definiert `geeigneten Lebensraum`?

(Wir müssen das Wort jetzt leider gebrauchen:) Unerträglich ist die Laier des MdL, dass Wölfe im eng besiedelten Tourismusgebiet keinen artgerechten Lebensraum hätten. Das sehen die Wölfe merkbar anders. „Die Diskussion leide unter falsch verstandener Natur- und Tierliebe“, wird der MdL zitiert. Würde ein Pferd gerissen, könne sich der Wind schnell drehen. Davon können wir uns distanzieren. Ein gerissenes Tier ist für jeden Tierbesitzer schlimm, auch wenn der Bezug zu einem von 100 Schafen anders sein mag, als zu einem Familien-Pferd. In der Sache des Herdenschutzes darf es da keine Unterscheidung geben. Den jede Weide an der ein Wolf lernt, dass es für ihn hier nichts zu suchen gibt, ist ein Gewinn für alle Weidetierhalter.

Anders denken!

„Think out of the box“. Niemand sagt, dass bestehende Weidesysteme, Nutzungsformen, Nutzungsrechte etc. etc. bestehen bleiben müssen. Eine Umgestaltung ist mühsam und aufwendig. Und in manchen Bereichen wird man an den Punkt kommen, dass es eben nicht mehr sinnvoll ist. Was sind die Kriterien dafür? Auch die Weideschutzkommission wird sich an Faktoren zur Umsetzung orientieren. Wie lauten diese? Wer legt sie fest? Wir haken dazu nochmal bei den zuständigen Ämtern nach. Bislang haben wir nichts ausführliches schriftliches dazu finden können. Fortsetzung folgt…


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Wölfe in Deutschland – Neues Rudel in Bayern

Studie Habitateignung Wolf

Rudel in Deutschland – Rudel in Bayern

Habitatmodellierung Wolf in Deutschladn. Grafik: BfN Skript 556

Erst vergangenen Monat veröffentlichte das Bundesamt für Naturschutz die Studie zur Habitatmodellierung und Abschätzung der potentiellen Anzahl von Wolfsterritorien in Deutschland.

Wenig erstaunlich, dass nach den Parametern in der Studie nahezu gesamt Deutschland geeignetes Wolfsgebiet wäre. Behörden und Naturschutzverbände betonen bereits seit Jahren: überall können jeder Zeit Wölfe in fast ganz Deutschland – und im gesamten Bundesland Bayern – auftauchen. Einige nur als Durchzügler, andere seßhaft (dies gilt wenn sie über 6 Monate in einem Gebiet nachgewiesen werden können), als Paare und Rudel.

Die Studie ist eine wissenschaftliche, hypothetische Studie. Sie orientiert sich an der Entwicklung und Verbreitung der letzten Jahre und soll den einzelnen Bundesländern ein Hintergrundpapier für Anpassungen und Entwicklungen ihrer Managementpläne sein.
Als gute Habitate werden die Alpen und die Mittelgebirge genannt. Potentiell wären 700-1400 Wolfterritorien möglich. Die Zahl unterscheidet sich, weil verschiedene Berechnungsmodelle genutzt wurden.
Auch ist es keine Garantie, nur weil das Modell eine Region als Wolfsungeeignet erachtet, dass sich hier nicht doch Wölfe blicken oder nieder-lassen.

Man fragt sich dann also schon: für was diese Studie, kann sie uns doch nicht mit Sicherheit sagen, wo Wölfe sein werden und wo nicht? Das ist die Krux vieler wissenschaftlicher Arbeiten. Man darf in ihnen nicht die alleinige Wahrheit suchen. Dennoch geben sie Anhaltspunkte und können zu Entscheidungsfindungen (oftmals ja primär auf politischer Ebene) Beitragen. Die Studie rechnet mit zwei verschiedenen Statistikmodellen, gefüttert durch die Daten der letzten Monitoringjahre in Deutschland “nüchtern” potentielle Lebensräume aus. Die Einordnung und Interpretation obliegt dann den Erfahrungen und den menschlichen Bewertungen.

Es bleibt zu hoffen, dass die Managementpläne, naturschutzfachliche Vorgaben, behördliches/politisches Handeln und das Aufgreifen der Thematik innerhalb der Interessensverbände sich so schnell entwickeln, wie die derzeitige Wolfspopulation.
Hier der Link direkt zur Studie.

 

Neues Rudel Manteler Forst BY

Rudel in Bayern

Junge Wölfe in Deutschland. Foto: A. Gomille

Auch in Bayern sind Hinweise und Nachweise auf einzelne Wölfe nichts Außergewöhnliches mehr. Die Auflistung auf der Seite des Landesamt für Umwelt wird monatlich länger. Unlängst veröffentlichte die Behörde, dass im Veldensteiner Forst (zum dritten Mal) und erstmalig im Manteler Forst (Neustadt an der Waldnaab) Reproduktion nachgewiesen wurde. Sprich: im Veldensteiner Forst gibt es Nachwuchs, ebenso im Manteler Forst, in dem nun ein neues bayerisches Rudel beheimatet ist.

Mit der Neugründung des Rudels muss auch die Gebietskulisse zur Förderung im Herdenschutz angepasst werden. Die Entwicklungen in der Natur sind manchmal anders als erwartet und schneller als erhofft. Der Gegensatz von unplanbarer Naturentwicklung und behäbiger politischer und behördlicher Entscheidungen macht den Umgang gerade mit der Tierart Wolf oft schwierig, für Naturschutz und andere Interessensverbände unverständlich und stets zu langsam.

Es bleibt zu hoffen, dass die zuständigen Fachstellen flexibel genug agieren und das Management frühzeitig anpassen.


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