Kinderbuchvorstellung „Hallo Zweibeiner“

von Franziska Baur

Im heutigen Blogbeitrag möchten wir ein besonderes Kinderbuch über Wölfe vorstellen: Hallo Zweibeiner – Kleiner Wolf erzählt aus seinem Leben von Rena Henke.Hallo Zweibeiner

Kleiner Wolf ist ein Welpe. Er lebt mit seiner Wolfsfamilie in Norddeutschland, und wie jedes Menschenkind, so macht auch ein Wolfsjunges mal Blödsinn oder tut Dinge, die es nicht darf! Dann muss Kleiner Wolf in der Höhle bleiben und einen Aufsatz schreiben. Das kann er so gut! Schließlich sagte seine Mama: „Mein Junges, du bist die Stimme unseres Rudels. Schreib Briefe an die Menschen, erzähl ihnen von uns, und wie wir leben.“ Dann überlegte sie einen Moment und fügte hinzu: „Weißt du, schreib deine Briefe an die kleinen Zweibeiner, die Kinder, ich glaube, die verstehen dich gut.“

Die Autorin Rena Henke fuhr als Nautikerin lange zur See, ist aber auch gelernte Redakteurin, Autorin und Sprecherin von Hörbüchern.

Wir können dieses Kinderbuch nur empfehlen, denn es ermöglicht den Kleinen ein natürliches, unvoreingenommenes Verständnis für Wölfe. Diese kindgerechte Publikation füllt eine wenig beachtete Nische in der Wolfsliteratur. Die alte Mär vom „bösen Wolf“ kann so schnell vergessen werden, ohne den Wolf zum Kuscheltier zu verharmlosen.


Posted in Wolf and tagged , , , by with no comments yet.

Länder kooperieren beim Umgang mit Wölfen – wird sich Bayern anschließen?

von Franziska Baur

Der Baden-Württembergische Umweltminister Franz Untersteller hat Anfang März eine enge Zusammenarbeit der Bundesländer Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland im Umgang mit Wölfen angekündigt. „Mit unserem länderübergreifenden Konzept erweitern wir unser Wolfsmanagement um einen wesentlichen Faktor und tragen dem Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung und der Landwirtschaft Rechnung“, statiert der für den Natur- und Artenschutz im Land zuständige Minister.

Umgang mit Wölfen

Herdenschutzhund Maremmano Abruzzese

Baden-Württemberg steht – wie auch Bayern – vor der Herausforderung, dass sich Wölfe weiterhin ausbreiten. Da diese Tiere sehr mobil sind und sehr weiter Strecken zurücklegen können, liegt eine länderübergreifende Zusammenarbeit nahe. Ziel des gemeinsamen Konzepts sei ein umfassendes Wolfsmanagement, das sowohl Nutztierhalterinnen und -halter und deren Tiere und wirtschaftliche Existenz schütze, als auch dem Artenschutz gerecht werde. „Wir haben vereinbart, uns dabei gegenseitig zu unterstützen, Kenntnisse auszutauschen, Erfahrungen und Knowhow zu teilen sowie Personal bereitzustellen.“, kommentiert Untersteller.

Eine gemeinsame Managementgruppe soll den gegenseitigen Informationsaustausch – über Wolfssichtungen oder das Verhalten einzelner Tiere – gewährleisten und Aktivitäten zum Schutz von Nutztieren und Menschen koordinieren. Dabei geht es darum, wandernde Wölfe im Rahmen des Monitorings effektiver zu beobachten. Einzelne Wölfe sollen besendert werden, um ihre Wege nachvollziehen zu können oder auch um verhaltensauffällige und potenziell gefährliche Tiere bei Bedarfsfall leichter entnehmen zu können. Die Entscheidung, ob eine Ausnahme nach dem Bundesnaturschutzgesetz möglich ist und ein Wolf geschossen werden kann, bleibe aber weiterhin jedem Bundesland selbst überlassen. Die Kosten für den Einsatz des Eingreifteams würden untereinander aufgeteilt.

Nach Untersteller könnten sich weitere Bundesländer jederzeit an der Zusammenarbeit beteiligen, er könne sich beispielsweise vorstellen, ein Land wie Bayern in die Kooperation einzubeziehen.

Das erste Rudel ist in Bayern seit 2017 bestätigt und mit weiteren Rudelgründungen ist dieses Jahr zu rechnen. Gerade für Weidetierbetriebe erfordert dies eine Umstellung und ein Umdenken. Die bayerische Politik und insbesondere die zuständigen Behörden (LfU, LfL) sind jetzt in der Pflicht zu handeln. Dazu müssen Präventionsmaßnahmen, die landesweite Beratung der Weidetierhalter und ein professionelles Wolfsmanagement etc. umgehend in Kraft gesetzt werden. Dies alles kostet Geld und Zeit, daher müssen die Nutztierhalter umfassend und professionell von den Behörden unterstützt werden.

Leider lässt diese Umsetzung nach der bitteren Kabinettsentscheidung Ende Januar weiterhin auf sich warten und dies auf Kosten der bayerischen Weidetierhalter.

Umgang mit Wölfen: Ein länderübergreifendes gemeinsames Management, bei dem sich auch Bayern anschließt, wäre eine neue Chance und von unserer Seite ausdrücklich zu befürworten.

 


Posted in Herdenschutz, Wolf and tagged , , , , , , by with no comments yet.

Ulrich Wotschikowsky erhält Förderpreis Wilde Alpen

Ein Artikel von Claus Obermeier anlässlich der Verleihung des Förderpreises „Wilde Alpen“ 2018 an Ulrich Wotschikowsky.

Förderpreis Wilde Alpen an Ulrich Wotschikowsky

Von links nach rechts: Bernd Louisoder, Ulrich Wotschikowsky, Claus Obermeier

Die Alpen und auch die bayerischen Gebietsanteile waren und sind für das Überleben zahlreicher bedrohter Tier- und Pflanzenarten in Europa von zentraler Bedeutung. Das Wortspiel „Wilde Alpen“ für unseren neuen Förderpreis soll dabei die ganze Breite der Debatte spiegeln: Denn die Alpen sind in den allermeisten Bereichen nicht Wildnis, sondern eine jahrtausendalte Kulturlandschaft mit einer langen Tradition der Koexistenz von Menschen, alpiner Land- und Viehwirtschaft und Wildtieren – sicher auch früher nicht ohne Konflikte – aber auch ohne die vollständige Ausrottung von tierischen Konkurrenten. Erst vor kurzer Zeit wurde aber dort alles, was irgendwie, irgendwen, aus irgendwelchen Gründen störte oder sich nicht (ausreichend) rentierte, aufgegeben oder entfernt: Adler, Luchse, Bären, aber auch traditionelle Wirtschaftsformen und altes Kulturgut wie lokale Nutztierrassen, der Schutz der Herden mit lokalen Schutzhundezuchten und entsprechend fachkundigen Hirten.

Manche Wildtierarten haben sich aber aufgrund strenger nationaler und internationaler Schutzgesetze erholt und sind wie wie der Steinadler in ihre ursprüngliche Heimat zurückgekehrt, andere stehe in den Startlöchern. Beim Luchs ist es leider noch nicht so weit. Die Einwanderung oder gezielte Wiederansiedlungsprojekte für diese diese faszinierenden Tierart in ihrer ursprünglichen Heimat bieten die einmalige Chance, Anschluss an die internationalen Bemühungen zum Schutz des Naturerbes zu finden.

Ulrich Wotschikowsky erhält daher den ersten Förderpreis in der für die Premiere ausgeschriebenen Kategorie Luchsschutz. Wie kaum jemand meldet er sich seit vielen Jahren kompetent und engagiert zu Wort, um eine Rückkehr dieser europaweit bedrohten Raubkatze auch nach Bayern zu ermöglichen und starre, festgefahrene Strukturen in Frage zu stellen, die das verhindern. Dabei scheut er nicht, politische Defizite und teilweise haarsträubende naturschutzfachliche Fehler von Bedenkenträgern aufzudecken und mit wildbiologischer Kompetenz und großem Engagement zu kontern. Als passionierter Jäger und Verfechter einer modernen, an heutigen gesellschaftlichen und ökologischen Anforderungen ausgerichteten Jagd ist er eine der wenigen Personen, die mit Positionen und Argumenten auch bei Jägern, Jagdgenossenschaften und Waldbauern gehört und respektiert wird – eine zwingende Voraussetzung zur Akzeptanzbildung für diese Art außerhalb der engeren Naturschutzszene.

BAYERN WILD TV: Anlässlich der Preisverleihung „Wilde Alpen“ gab Ulrich Wotschikowsky ein Interview über sein langjähriges Engagement für Bayerns Luchse

So brachte er die seit vielen Jahren in Bayern auf Eis liegende Debatte um ambitionierte Luchsschutzprojekte mit seinem Statement „Lasst ihn wiederkommen“ bei der Podiumsdiskussion Luchs 2015 erstmalig wieder in Fahrt. Er scheute sich dabei nicht, den jahrzehntelange Stillstand bei diesem Thema klar auszusprechen und Ross und Reiter zu nennen.

Mit seinem im Anschluss für den Bund Naturschutz ausgearbeitetem Memorandum legte er für viele Jahre die fachliche und naturschutzpolitische Grundlage für den Luchsschutz in Bayern und setzt darin Maßstäbe, an denen sich Politik, Behörden, aber auch Naturschutzinitiativen messen lassen müssen.

Neben dem langjährigem und größtenteils ehrenamtlichen Engagement für den Luchs in Bayern meldet er sich auch bei anderen Themen zu Wort. Er ist einer der wenigen, die sich trauen und die nötige wildbiologische Kompetenz besitzen, um bei politisierten Wildtierthemen biologische Fakten und Wahrheiten (auch wenn sie für manche unangenehm sind) offen und ohne Blick auf Verbandsinteressen, romantische Verklärungen oder Wählerpotentiale vorzutragen. Das gefällt nicht jedem und muss es auch nicht, ist aber immer Grundlage für konstruktive und produktive Debatten.

Ob Wildtiere wie der Luchs bei uns leben dürfen, entscheiden in einer demokratischen Gesellschaft letztendlich wir alle. Voraussetzung dafür aber ist, dass es Menschen wie Ulrich Wotschikowsky gibt.

Hier finden Sie mehr Informationen zum Förderpreis Wilde Alpen.


Posted in Allgemein, Luchs and tagged , , , , , by with no comments yet.

Bayern wild TV stellt sich vor

Bayern wild TVBayern wild TV ist das neue Videoformat rund um die vielen spannenden Wildtierthemen, die Bayern aktuell zu bieten hat. Unterhaltsam gehen wir darin auf aktuelle Entwicklungen ein, die nicht nur Wolf, Luchs und Bär mit sich bringen.
Denn in unseren Interviews stellen wir die Persönlichkeiten und Akteure hinter Projekten und Organisationen vor und beleuchten so nicht nur nebenbei, sondern mit voller Absicht, Bayerns wilde Seite. Regelmäßiges Reinschauen auf www.bayern-wild.tv lohnt sich also.

Die Themen in unseren bisherigen drei Folgen waren die beiden Präsentationen unserer Lehrmaterialen zu Wölfen und Luchsen in Bayern sowie ein Besuch in der Greifvogel-Auffangstation Freising. Alle Folgen können auf Bayern wild TV angesehen werden.

Folge 1: Lehrmaterial Wölfe in Bayern vorgestellt | Interview mit dem Autor Peter Sürth

In diesem Video stellen wir den Wolfsforscher Peter Sürth und unser soeben erschienenes Lehrmaterial zum Thema Wolf vor. Das Unterrichtsmaterial ist für Realschulen und Gymnasien geeignet. Infos, kostenlose Bestellung und Download gibt es hier.

Folge 2: Greifvogelauffang-Station Freising

Ende November 2017 waren wir bei Willi Holzer, dem langjährigen Leiter der Greifvogel-Auffangstation Freising zu Besuch. In dem Interview schildert er uns von seiner Faszination für Greifvögel und zeigt uns, worauf man achten sollte, wenn man bei einem Spaziergang ein totes Tier entdeckt. Denn leider werden noch immer zahlreiche Greifvögel erschossen, vergiftet und in Fallen gefangen.

Folge 3: Lehrmaterial Luchse in Bayern vorgestellt | Interview mit dem Autor Peter Sürth

In diesem Video stellt unsere Fachreferentin Naturschutz Bayern, Franziska Baur den Luchsforscher Peter Sürth und unser soeben erschienenes Lehrmaterial zum Thema Luchse in Bayern vor. Das Unterrichtsmaterial ist für Realschulen und Gymnasien geeignet. Infos, kostenlose Bestellung und Download hier.


Posted in Allgemein and tagged , , , , by with no comments yet.

Luchse in Bayern: Schützen oder das Aussterben verwalten?

von Claus Obermeier, Vorstand der Gregor Louisoder Umweltstiftung.

Am 11.1.2018 stellen wir unser neues Umweltbildungsmaterial „Luchs in Bayern“ vor und laden zum Vernetzungstreffen Luchsschutz ein.  Zur Diskussion im Vorfeld eine Zusammenfassung unserer Erkenntnisse und Forderungen für Bayern aus den letzten Jahren.

Luchse in Bayern

Claus Obermeier (rechts) bei der Podiumsdiskussion Luchs

Unsere Position

Die bayerische Politik muss beim Luchsschutz Anschluss an die internationalen Bemühungen zum Schutz der Artenvielfalt finden. Es ist ein Armutszeugnis, wenn in Bayern ambitionierte Projekte zum Luchsschutz nicht vorankommen, während in unseren Nachbarländern engagiert am Aufbau überlebensfähiger Luchspopulationen gearbeitet wird und wir gleichzeitig von viel ärmeren Ländern gigantische Anstrengungen und wirtschaftliche Einbußen zum Schutz bedrohter Arten einfordern.

Aktuelle Einschätzung des Landesamtes für Umwelt

„In den 1980er Jahren wurden auf tschechischer Seite in einer offiziellen Aktion insgesamt 17 Karpaten-Luchse im Bereich des heutigen Sumava-Nationalparkes freigelassen. Ausgehend von diesem Grundstock hat sich der Luchs seit Anfang der neunziger Jahre im bayerisch-böhmischen Grenzgebiet bis hinein ins österreichische Mühlviertel wieder etabliert. Heute existiert dort eine kleine, immer noch vom Aussterben bedrohte Population von ca. 60 bis 80 Tieren. Der Bestand ist durch ein intensives Monitoring gut überwacht. Er konzentriert sich auf die Hochlagen des Bayerischen Waldes und des Böhmerwalds. Die größte Bedrohung ist die illegale Tötung von Luchsen“ (Presseinfo LfU 21.12.2017).

Forderungen / Überblick Naturschutzkriminalität gegen Luchse in Bayern

Unsere bereits bekannten umfassenden Forderungen zum Thema „Naturschutzkriminalität“ (Resolution Naturschutzkriminalität): http://www.umweltstiftung.com/fileadmin/aktuelles/veranstaltungen/resolution-naturschutzkriminalitaet-stoppen-september-2015.pdf

Tod im Unterholz – unter diesem Titel fasst die Zeitschrift MUH die Geschichte der Luchstötungen zusammen und nennt Ross und Reiter (Vielen Dank für die Genehmigung zur Verwendung des Artikels): http://blog.bayern-wild.de/wp-content/uploads/2016/07/MUH-21-Luchsmorde-Der-Tod-im-Unterholz.pdf 

Unser Positionspapier „Luchsschutz im Bayerischen Alpenraum“ (Stand 2/2016):

Luchse in Bayern

Eines der letzten Fotofallenbilder von Alus.

Wir setzen uns insbesondere für eine umfassende Rückkehr des Luchses in die geeigneten Lebensräume in den bayerischen Alpen ein. Wir danken ausdrücklich für die engagierte Arbeit der Naturschutzinitiativen und Jagdverbände in den angrenzenden Alpenländern und deren umfassende Luchsschutzprojekte inkl. Bestandsstützung, die das möglich machen.
Bayern hat jetzt einen großen Nachholbedarf, um auch in den bayerischen Alpen kompetente und handlungsfähige Strukturen, hinausgehend über die Teilnahme an diversen Arbeitsgruppen, dazu zu schaffen.

 

Insbesondere müssen folgende Projektmodule umgesetzt werden:
I. Monitoring
II. umfassende Umweltbildung
III. umfassende Info- und Herdenschutzangebote für betroffene Zielgruppen (Gehegewildhalter etc.)
IV. umfassende Beratungsangebote für den Bereich Jagd
V. umfassende Fortbildung und Sensibilisierung der Polizeibehörden gegenüber Straftaten.
VI. Soll der Alpenraum wieder dauerhaft mit einer stabilen Luchspopulation besiedelt werden, werden bestandsstützende Wiederansiedlungsmaßnahmen auch in Bayern unumgänglich sein, wie sie seit geraumer Zeit gefordert, auch in Bayern geplant und seit den 1970er Jahren beispielsweise in der Schweiz, Slowenien, Österreich, Frankreich, Italien geschehen sind.

Alle Aktivitäten sollten mit den Luchsprojekten in den angrenzenden Alpenländerniv umfassend koordiniert und vernetzt werden, um langfristig eine vitale und überlebensfähige Alpenluchspopulation zu erreichen. Die einzelnen Subpopulationen des Alpenraumes sind weit voneinander entfernt und aufgrund von menschlichen Wanderbarrieren (Autobahnen etc.) sowie natürlichen Wanderhindernissen (große Flüsse) kaum vernetzt.

Luchse in Bayern: Lasst den Luchs wiederkommen

Einleitend zur Podiumsdiskussion „Luchstötung“ im Museum Mensch und Natur in München am 06.10.2015 hielt Wildtierbiologe Ulrich Wotschikowsky ein Plädoyer – für den Luchs, für eine gute Zusammenarbeit zur Erhaltung der Luchspopulation in Bayern… Der Beitrag wurde damals bereits im blog veröffentlicht, wegen der aktuellen Bedeutung nehmen wir ihn hier noch mal 1:1 auf.

„Man hat mich gebeten, Sie auf den Luchs einzustimmen. Also erzähle ich Ihnen eine Geschichte von großen Hoffnungen und noch größeren Enttäuschungen. Die Geschichte beginnt mit dem Jahr 1970 – jeder weiß: Damals wurde im Bayerischen Wald der erste deutsche Nationalpark ins Leben gerufen. Und da fielen gleich ein paar Luchse vom Himmel. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Es war ja auch nicht böse gemeint, aber halt nicht so richtig legal. Das haftet dem Luchs bis heute noch an, nach 45 Jahren.

Luchse in Bayern

Ulrich Wotschikowsky bei der Podiumsdiskussion Luchs 2015.

Diese Wiederansiedlung im Bayerischen Wald und kurz vorher in der Schweiz lösten eine regelrechte Luchseuphorie aus mit zahlreichen naiven Wiederansiedlungsvorhaben, aber auch einigen ernsthaften Initiativen, zum Beispiel im Schwarzwald von Seiten der Landesforstverwaltung, oder im Harz und im Pfälzerwald. Sie schliefen alle wieder ein. In den 1980er Jahren wurde die Wildbiologische Gesellschaft München sogar damit beauftragt, eine Empfehlung auszuarbeiten, wo – nicht: ob! – der Luchs in Bayern wieder angesiedelt werden sollte. Unsere Wahl fiel damals auf das Mangfallgebirge. Der Bund Naturschutz machte sich die Idee zu eigen, schlug allerdings den Nationalpark Berchtesgaden vor. Umweltminister Gauweiler signalisierte Zustimmung, aber die Almwirtschaft machte ihm klar: Ohne uns! Damit war auch diese Idee gestorben.

Mittlerweile avancierte Lynx lynx zu einem der besterforschten größeren Säugetiere. Wir erfuhren, dass ein Luchs nicht dreißig Quadratkilometer Lebensraum braucht, sondern das Drei- bis Zehnfache. Luchse sind also immer selten. Wir erfuhren, dass der Luchs hauptsächlich Rehe erbeutet, von denen wir mehr als genug haben. Wir erfuhren, dass der Luchs den Rehen nicht die Köpfe abschneidet und dass das Auerwild keine Rolle in seinem Nahrungsspektrum spielt. Wir erfuhren aus der Schweiz, dass er sich nur ganz selten an Schafen vergreift. Wir wissen heute sehr gut Bescheid über den Luchs. Wir brauchen keine weiteren Forschungsarbeiten, um abzuschätzen, was dieser Beutegreifer in unseren Wäldern anstellen wird: Herzlich wenig. Er wird weder die Jäger noch die Förster entbehrlich machen. Er wird den Jägern die Jagd nicht verderben und den Förstern bei der Schalenwildkontrolle kaum spürbar unter die Arme greifen. Und für die Weidewirtschaft ist der Luchs so gut wie irrelevant.

Es betrübt mich, dass sich diese Dinge bei den Betroffenen, also den Jägern und den Nutztierhaltern, einfach nicht rumsprechen. Das Bild des Luchses ist immer noch geprägt von Vorurteilen.

Im Jahr 2006 führte der kurze Auftritt des Bären JJ1 vulgo „Bruno“ zur Bildung einer Arbeitsgruppe Große Beutegreifer beim Umweltministerium. Ihre Aufgabe besteht darin, Managementpläne für die drei Großen Beutegreifer Bär, Luchs und Wolf in Bayern zu entwickeln. Das ist nicht eine Erfindung der Bayern, sondern Pflichtaufgabe, weil diese drei den Status von FFH-Arten haben. Sie sind Arten von prioritärem gemeinschaftlichen Interesse, und die Mitgliedsländer der EU sind verpflichtet, für einen günstigen Erhaltungszustand ihrer Populationen zu sorgen. Davon ist der Luchs im Bayerisch-böhmischen Grenzgebirge weit, weit entfernt. Es gibt also viel zu tun im Freistaat, möchte man meinen, um das zu verbessern.

Die Arbeitsgruppe Große Beutegreifer machte sich also an einen Managementplan Luchs, und dabei kam es zu einer Zerreißprobe. Wir wollten die Tür offen halten für eine Wiederansiedlung von Menschenhand für den Fall, dass der Luchs nicht auf natürlichem Weg zurückkehren würde – also in den Alpenraum und in den Mittelgebirgszug Spessart, Rhön, Frankenwald. Und auch eine eventuell notwendige Bestandsstützung im Bayerischen Wald wollten wir nicht kategorisch ausschließen. Aber die Nutzerfraktion in unserer Arbeitsgruppe, mit dem Landwirtschaftsministerium an der Spitze, wehrte sich entschieden dagegen, dass eine Wiederansiedlung auch nur angedacht wurde.

Nach stundenlanger anstrengender Diskussion – ich füge gerne hinzu: eine überaus seriöse Diskussion mit viel Respekt für die Argumente des jeweils anderen! – fanden wir dennoch eine Kompromissformel, der alle zustimmen konnten. Sie hieß: „In Bayern ist derzeit weder eine Aussetzung oder Ansiedlung noch eine Entnahme von Luchsen geplant.“ Das Wörtchen „derzeit“ hielt die Tür offen für eine spätere, luchsfreundlichere Entscheidung.

Aber oberhalb der AG Große Beutegreifer, in der etwa zwanzig Interessengruppen vertreten sind, gibt es noch eine Steuerungsgruppe. Sie besteht aus dem Umwelt- und dem Landwirtschaftsministerium, dem Bayerischen Bauernverband, dem Landesjagdverband, dem Bund Naturschutz in Bayern und dem Landesbund für Vogelschutz. Und diese Steuerungsgruppe hat dem Luchs diese Tür vor der Nase zugeschlagen. Sie hat das Wörtchen „derzeit“ aus dem Vorschlag der AG ersatzlos gestrichen.

Diese Steuerungsgruppe ist, soweit ich weiß, die einzige Empfehlung, die aus einem wildbiologischen Gutachten über den Luchs im Bayerischen Wald übernommen worden ist. Dieses Gutachten ist der Arbeitsgruppe von der Obersten Jagdbehörde – dem Auftraggeber – trotz energischer Nachfragen nicht zur Verfügung gestellt worden. Das „Nein“ zu dem Wörtchen „derzeit“ im Vorschlag der AG kam vom Bauernverband. Es erschließt sich mir nicht, was ausgerechnet den Bauernverband zu einem Votum pro oder contra Luchs qualifiziert. Der Landesjagdverband hat sich dem Contra angeschlossen. Wie sich die anderen vier Institutionen verhalten haben, vor allem die beiden Naturschutzverbände (nota bene: auch der Jagdverband ist ein anerkannter Naturschutzverband!) entzieht sich meiner Kenntnis. Wie sich das mit einem Demokratieverständnis in Einklang bringen lässt auch. Eine Rücksprache der Steuerungsgruppe mit der AG Große Beutegreifer gab es nicht, aber das ist offenbar auch gar nicht vorgesehen. Jedenfalls findet sich jetzt im Managementplan Luchs für Bayern ein Satz, der eine Wiederansiedlung von Menschenhand definitiv ausschließt, so lange dieser Plan gilt.

Das wäre alles nicht so schlimm, wenn der Luchs sozusagen an der Landesgrenze stünde und Einlass begehrte. Aber leider ist es so, dass der Luchs nicht von selbst nach Bayern zurückkommt. Lynx lynx der Eurasische Luchs ist kein guter Kolonisator. Statt sich auf weite Wanderschaft zu begeben, siedelt er sich lieber in unmittelbarem Kontakt zu seiner Ursprungspopulation an. Deshalb sind Hoffnungen auf eine natürliche Rückkehr des Luchses nach Bayern vergebens. Und wenn er denn käme – dann käme er nicht aus einer autochthonen, sondern aus einer von Menschenhand begründeten Population, zum Beispiel aus der Schweiz, aus dem Harz, aus dem Bayerischen Wald. Es geht daher kein Weg vorbei an der Einsicht: Wenn wir den Luchs haben wollen, müssen wir Hand anlegen.

Wir sind an dieser Stelle auf eine Doktrin gestoßen, die da heißt: „Wenn er von selber kommt – gerne. Aber nicht aussetzen!“ Ich habe das nie verstanden. Es ist eine inhaltslose Phrase. Ein Luchs ist ein Luchs ist ein Luchs – egal ob er auf eigenen Beinen kommt oder im Auto. Man kann sich diesen scheinbar freundlichen Spruch: „Ja, wenn er von selber kommt!“ ohne Risiko leisten, denn man weiß ja: Er kommt nicht „von selber!“ Aber mit Redlichkeit und Wahrhaftigkeit hat das nichts zu tun. Es ist nur scheinheilig.

Warum sperrt man sich so dagegen, dem Luchs bei seiner Rückkehr aktiv zu helfen? Warum soll dem Luchs nicht recht sein, was dem Lachs billig ist – die Wiederansiedlung dieser und so manch anderer Fischarten betreiben wir inzwischen mit einem Millionenaufwand und ich freue mich aus ganzem Herzen, dass wir das tun (auch wenn man den Lachs essen kann und den Luchs nicht unbedingt). Wir reparieren tagein, tagaus an einer Natur herum, der wir unendlich viele Elemente genommen haben – pflanzen zum Beispiel Tannen oder Laubbäume, wo welche hingehören, aber nicht mehr von selber kommen (das ist Wiederansiedlung, was sonst!), wir machen Bäche wieder krumm, die wir noch vor fünfzig Jahren mit Millionenaufwand gerade gemacht und einbetoniert haben. Leider setzen wir auch alle möglichen und einige unmögliche Fischarten in unseren Gewässern aus, bloß damit Angler ihrem Vergnügen am Fischen nachgehen können, und schaffen dort eine eigentümliche Form von „Biodiversität.“ All das ist ein weites Feld und natürlich zu umfangreich für heute Abend – eins aber ist sicher: Ein vernünftiges Argument gegen die Wiederansiedlung des Luchses in den bayerischen Waldgebieten lässt sich nicht finden.

Aber will man den Luchs im Freistaat Bayern wirklich haben? Ich kann das beim besten Willen nicht erkennen. Nein – man will große Beutegreifer in Bayern generell nicht haben, und das gilt auch und sogar für den harmlosen Luchs. Und weil das so ist, finden kriminelle Akte wie die Luchstötungen im Bayerischen Wald in einem Umfeld stillschweigender, augenzwinkender Zustimmung statt. Es wird sich doch einer finden, der uns das Problem vom Hals schafft!

Ich hoffe inständig, dass ich mich irre. Dann aber lasst uns doch endlich zur Tat schreiten. Versenken wir den Managementplan Luchs dort, wo er hingehört: in der Schublade. Bilden wir eine Initiative zur Wiederansiedlung des Luchses in den geeigneten Waldgebieten Bayerns. An der Spitze dieser Initiative wünsche ich mir – den Landesjagdverband. Wen denn sonst – keine andere Interessengruppe fühlt sich durch den Luchs so sehr betroffen! Keine kann von einem markanten Eintreten für diese faszinierende Tierart so viel an Ansehen gewinnen! Keine kann zu einem Erfolg mehr beitragen! (…)“

(Gastbeitrag von Ulrich Wotschikowsky anlässlich der Podiumsdiskussion 2015)


Posted in Luchs, Naturschutzkriminalität and tagged , , , , by with 1 comment.

Spektakuläre Ergebnisse im Fall Luchs „Leo“ monatelang geheimgehalten – hier finden Sie Antworten…

Von Franziska Baur

Anfrage im Mai 2017

Der Abgeordnete Nikolaus Kraus (FREIE WÄHLER) stellte bereits am 23.05.2017 eine schriftliche Anfrage an das Staatsministerium des Innern, für Bau und Verkehr bezüglich dem Stand der Ermittlungen bei den illegalen Luchtötungen im Bayerischen Wald, speziell zur gegen Ende 2016 stattgefundenen Hausdurchsuchung im Falle „Luchs Leo“ (dessen abgeschnittene Pfoten Mitte 2015 aufgefunden wurden).

Nach uns vorliegenden Informationen wurden Luchstrophäen, Luchsfallen und möglicherweise illegale Jagdausrüstung (Nacht-Zieleinrichtungen) bei einem Jäger im Lkrs. Cham gefunden. Trotz diverser Nachfragen (zuletzt gestern bei der zuständigen Staatsanwaltschaft Regensburg) und Medienrecherchen wurden bisher keine Ergebnisse der Ermittlungen im Fall Leo inkl. der vor knapp einem Jahr (6.12.2016) durchgeführten Hausdurchsuchungen bei einem Jäger in Lohberg bekannt gegeben. Die Gründe sind für uns nicht nachvollziehbar und die Verschwiegenheit gegenüber der Öffentlichkeit nicht tolerierbar.

Nach Auskunft des Bayerischen Innenministeriums wurden Luchstrophäen (2 Ohren, 5 Krallen), Munition im Kaliber 22 lfB (lang für Büchsen), Lebend-Luchsfallen und möglicherweise illegale Jagdausrüstung (Nachtsichtgerät mit Aufsetzvorrichtung auf das Zielfernrohr) bei dem Jäger gefunden.

Warum wurde die Öffentlichkeit nicht über die spektakulären Funde bei Hausdurchsuchung informiert?

Dazu Claus Obermeier, Vorstand der Stiftung: „Nach den umfassenden Bekenntnissen von Umweltministerin Ulrike Scharf und des Innenministeriums müssen jetzt Taten folgen und Anschluss an internationale Standards bei Prävention und Verfolgung von Naturschutzkriminalität gefunden werden. Dazu gehört auch eine Information der Öffentlichkeit und Präventionsmaßnahmen wie Polizeikontrollen bei Gesellschaftsjagden.“


Posted in Allgemein, Luchs, Naturschutzkriminalität, Schutzgebiete and tagged , , , , , by with 2 comments.

Ergebnisse des Luchsmonitorings in Ostbayern 2016/17

von Franziska Baur

 

Im Folgenden werden die wichtigsten und sehr erfreulichen Ergebnisse und Daten vom

 

Fotofalleneinsatz in Ostbayern im Luchs-Monitoringjahr 2016
(Dipl.-Biol. Sybille Wölfl & Dipl.-Ing. (FH) Markus Schwaiger i. A. vom LfU)

 

erläutert und die generellen Möglichkeiten von Monitoring per Fotofallen dargelegt.

 

Luchswiederansiedelung

 

Wichtigsten Daten:

  • Mai 2016-April 2017: Extensiveinsatz Fotofallen im BW/südl. Oberpfälzer Wald
  • Studie knüpft an Arbeiten des Trans-Lynx-Projekt und Monitoringjahr 2015 an, um Kontinuität der Datenerhebung zu gewährleisten und zur weiteren Dokumentation des Werdegangs territorialer Luchse, reproduzierender Weibchen und deren Nachwuchs
  • An 36 von 50 Standorten wurden 40 verschiedene Luchse fotografiert
  • Zusätzlich 16 Luchse welche sich auf NP Fläche dauerhaft oder temporär aufhalten
  • Gesamtzahl: 56 Luchse, davon…

… sind 20 territorial (8 Kuder, 10 Katzen; 2 unbekannte Geschlechter),

… sind 11 grenzüberschreitend unterwegs,

… fand bei 7 Weibchen Reproduktion mit insg. 15 Jungtieren statt.

  • Untersuchungsgebiet: ~2.100 m² Konvexpolygonfläche, Luchsnachweis auf 1.570 m² in ETRS89-Rasterquadraten
  • Im Vgl. zum Vorjahr: Fläche des Luchsvorkommens geschrumpft, gleichzeitig mehr Individuen
  • Schrumpfung bedingt durch spärliche Nachweise im Vorderen BW: Territorien teils (wieder) unbesetzt
  • Alle Territorien im Inneren BW entlang des bayerisch-tschechischen Grenzgebietes besetzt (Größe Territorien: 80-400 km², geschlechtsabhängig)
  • Große Schattenpopulation – (sub-)adulte Luchse auf der Suche nach einem eigenen Revier – weist auf Vitalität der Population hin

 

Verantwortliche Faktoren für die Verdichtung im Inneren BW:

  • Reduktion der illegalen Nachstellung
  • Erhöhte Lebensraumkapazität
  • Konservatives Dispersalverhalten von Luchsen
  • Feinjustierung d. Fotofallenstandorte
  • Zunehmende Verbreitung und Bereitstellung von Fotofallen in der Jägerschaft

–> Die hohe Anzahl dispersierender/nomadisierender Luchse könnte für den Populationsdruck sorgen, der für die Ausbreitung der Luchspopulation in verwaiste und bisher unbewohnte Lebensräume notwendig ist

–> Voraussetzung: menschlich bedingte Mortalität darf sich nicht wieder erhöhen!

 

 

Felines Immundefizienz Virus Luchs

 

 

Möglichkeiten extensiver Fotofalleneinsätze (zeitlich und räumlich ausgedehnte Durchgänge):

  • Erhebung von…

… räumlicher Nutzung

… Territoriumsgrößen

… Reproduktion

… Abwanderungsdistanzen von Jungluchsen

 

  • Feststellung von…

… Raumnutzung (Ausbreitung, Schrumpfung) einer Population, sofern Untersuchungsgebiet groß genug

… Veränderungen innerhalb der Populationsstruktur (Turn-over residenter Luchse durch illegale Nachstellung)

 

–> Großer Vorteil eines Monitorings per Fotofallen: nicht-invasiv (keine bis geringfügige Störung der untersuchten Tiere)

 

Modell einer Fotofalle mit Weißlichtblitz

 

Auch wenn die ostbayerische Luchspopulation sich trotz der herben Rückschläge der letzten Jahre zu erholen scheint, plädieren wir weiterhin für eine Überarbeitung des bayerischen Managementplans Luchs, um eine aktive Wiederansiedelung zu ermöglichen und langfristig die Population in unseren Breitengraden zu sichern.


Posted in Allgemein, Luchs, Naturschutzkriminalität, Schutzgebiete and tagged , , , , by with no comments yet.

Fotofallenprojekt Pinzgau abgeschlossen

Von Franziska Baur

Unser einjähriges Fotofallenprojekt im österreichischen Pinzgau ist abgeschlossen, der Abschlussbericht kann hier heruntergeladen werden.

Wir danken hiermit allen teilnehmenden Partnern (Bayerische Saalforste und Österreichische Bundesforste) sowie unserer Fotofallenspezialistin Kirsten Weingarth von Habitat-Wildlife Services, für die tolle Zusammenarbeit!

Wir sehen dieses Projekt trotz des bis dato noch ungeklärten Todes von Alus als erfolgreich an, da er bis zum 19. Mai 2017 regelmäßig und nicht-invasiv dokumentiert werden konnte – als einziger Luchs in dieser Gegend. Die Kooperationspartner (Bay SF, ÖBF) werden das Projekt vermutlich auf eigene Faust fortführen und ziehen sogar eine Ausweitung des Untersuchungsgebiets gen Süden in Erwägung.

Der Tod von Alus ist ein herber Verlust und trifft uns schwer. Luchse sind per se schlechte Disperser und der Luchskuder war als Trittstein verschiedener kleiner Luchspopulationen in diesem Raum (u.a. Kalkalpen, Bayerisch-Böhmisches Grenzgebiet) anzusehen. Diese potentielle Bereicherung des genetischen Pools ist nun unwiederbringlich verloren.

Trotz allem, Transparenz und Öffentlichkeitsarbeit sind in der heutigen Zeit kontroverser Berichterstattungen und politischer Hetzen unumgänglich und ein wichtiges Mittel, um Akzeptanz für die großen Beutegreifer zu schaffen. Diese Arbeit muss auf Tatsachen basieren oder mit den Worten von Frau Weingarth: „Das Monitoring hat gezeigt, dass Fotofallen das geeignete wildbiologische Werkzeug sind um „Fakten zu schaffen“.“

 


Posted in Luchs, Naturschutzkriminalität and tagged , , , , , by with no comments yet.

Wolfsgipfel: Wolfsschützer, Jäger und Schäfer einigen sich in gemeinsamem Eckpunktepapier

von Franziska Baur

 

Wölfe stellen die aktuelle Weidetierhaltung vor neue Herausforderungen – seit ihrer Rückkehr nach Deutschland vor rund 17 Jahren haben Wölfe ca. 3600 Nutztiere gerissen. Die meisten in Brandenburg mit über 1.100, gefolgt von Sachsen und Niedersachsen. In den überwiegenden Fällen sind dies Schafe, aber auch Ziegen, Fohlen und Rinder. Laut dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) leben zurzeit etwa 70 Rudel und Paare sowie mehrere Einzeltiere in freier Wildbahn in Deutschland. Experten gehen davon aus, dass die Wolfspopulation weiter rasant wachsen wird, eine Verdopplung alle drei Jahre ist derzeit realistisch. Auch in Dänemark und Luxemburg sind 2017 erstmals Wölfe gesichtet worden.

Kritiker wie Bernard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands (DBV) fordern: „Es bedarf einer Bestandsregulierung und einer Festlegung von Gebieten, die für eine Wiederansiedlung des Wolfes nicht in Frage kommen.“ Der AVO (Almwirtschaftlicher Verein Oberbayern) fordert „wolfsfreie Zonen“ und die CDU eine „Schutzjagd“, um dies zu erreichen. Auch Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) ist Anhänger einer „Bestandsregulierung“.

Die Anzahl der Nutztierrisse, von welchen jeder einzelne von den Medien bildlich dargestellt wird, erscheint erstmal viel. Aber ins richtige Licht gerückt, wirkt die derzeitige Aufregung eher nichtig. Anfragen an die Umweltministerien der Länder zeigen:  Wölfe kosteten Deutschland bisher ca. 500.000€. Das sind 0,08% der gesamten, durch Wildtiere verursachten, Schäden (Kostenfaktor: 653 Mio. €). Marder alleine sind für 63 Mio. € nur im Jahre 2015 verantwortlich. Somit verursachen Wölfe de facto kaum Schäden – im Vergleich zu einigen anderen Wildtierarten. Weiterhin ergaben Studien, dass der Anteil der Nutztiere nur 0,01% der Gesamtnahrung von Wölfen entspricht.

Aber „der Wolf“ ist ein Politikum – seine Rückkehr nach Deutschland erhitzt die Gemüter. Immer wieder wird das streng geschützte Tier illegal geschossen (oder, wie zuletzt, im Schluchsee versenkt). Dabei geht von Wölfen nachweislich wenig Gefahr aus, was die letzten 17 Jahre Wolfsanwesenheit in Deutschland mit keinem einzigen Angriff zeigen.

Zum ersten Mal haben sich nun Ende August mehrere Verbände in Berlin auf eine gemeinsame Strategie zum Umgang mit Wölfen in Deutschland geeinigt: „Es braucht einen Brückenschlag zwischen Naturschützern und Landwirten. Wir wollen mit diesem Bündnis vor allem zeigen: Es geht nicht um die Frage ob das Zusammenleben von Wolf und Nutztierhaltern gelingt, sondern wie.“, sagt Dr. Diana Pretzell (Leiterin Naturschutz) vom WWF. Von einem „Wohlfühlpapier“ sprechen Kritiker. Gemeinsam wurde das Eckpunktepapier unterzeichnet, welches sich auf folgende Forderungen konzentriert:

  • Aktualisierte Wolfsmanagementpläne in den Bundesländern
  • Flächendeckende, der Region angepasste, fachgerechte Prävention: Zäune, Herdenschutzhunde mit einhergehender Schulung & Beratung
  • Zuschüsse sollten alle wolfsbezogenen Investitions- & Erhaltungskosten auffangen, einschließl. Arbeitskosten
  • Zeitnahe & unbürokratische Kompensation aus öffentl. Hand (qualifizierte, unabhängige Rissgutachter) nach Wolfsattacken auf Nutztiere (Verluste und Folgeschäden)
  • Nationales Kompetenzzentrum für Herdenschutz
  • Anpassung der Tierschutz-Hunde-Verordnung
  • Förderung des Herdenschutzes in der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU

Die Einigung umfasst auch den Abschuss von „Problemwölfen“ (Wiederholungstäter bzgl. Nutztierrisse) durch Naturschutzbehörden als letztes Mittel. Die Entnahme könne aber keinesfalls Ersatz für ordentliche Herdenschutzmaßnahmen sein. „Einzelne Wölfe dürfen nicht die Akzeptanz für die ganze Art gefährden“, sagte ein Sprecher des WWF.

Es klingt nach Harmonie, eine gemeinsame Strategie von Naturschützern, Tierfreunden und Schäfern zum Reizthema Wolf – doch nicht alle sind zufrieden. Der DBV sowie der Deutsche Jagdverband (DVB) „wurden gar nicht gefragt“, sagte ein Sprecher. Es ist bereits bekannt, dass es der größten Landwirte-Vertretung nicht reicht, hier und da mal einen „Problemwolf“ zu erlegen. Vorgeschlagene Maßnahmen von Umwelt- und Tierschutzverbänden im neuen Eckpunktepapier seien laut DBV „völlig unzureichend“, wolle es den internationalen Schutzstatus des Wolfes unverändert lassen; bewährte Abwehrmaßnahmen seien erprobt und sollen lediglich konsequent umgesetzt werden.

 

Nicht nur uns schmecken (unbeschützte) Nutztiere

 

Nun konkret zum Eckpunktepapier, über welches derzeit so heftig diskutiert wird:

„Weidetierhaltung & Wolf in Deutschland für ein konfliktarmes Miteinander“

 

Es ist ein Konsenspapier an welchem sich erstmalig verschiedene Interessensgruppen beteiligt haben: Natur- und Tierschützer, aber auch Verbände aus dem Bereich Jagd, Landschaftspflege und Nutztierhaltung – also jene Berufsgruppen, welche durch die Wiederkehr des Wolfes die meisten Nachteile haben. Dr. Hans Hochberg vom Deutschen Grünlandverband (DGV) fordert: „Wir müssen gemeinsam für ein Wolfsmanagement sorgen, bei dem die Weidetierhaltung aufrecht erhalten bleibt, um die wertvollsten Grünlandbiotope weiterhin mit unseren Nutztieren pflegen zu können.“ Auch Günther Czerkus vom Bundesverband Berufsschäfer (BVBS) lenkt ein: „Wir Schäfer sind Hüter unserer Schafe. Wir sind auch agrarökologische Dienstleister. Natürlich sind Beutegreifer eine ernste Bedrohung. Das gibt uns aber nicht das Recht, Arten auszurotten. Die Zukunft der Schäfereien und der Erhalt der Artenvielfalt sind untrennbar miteinander verbunden. Wir arbeiten gemeinsam daran, dafür Lösungen zu finden.“

Mit der Überschrift „Eckpunkte für ein konfliktarmes Miteinander“ soll die Botschaft vermittelt werden, dass künftig beides möglich sein soll – der Schutz des Wolfes und der Schutz der Herden. Freudig ist, dass sich die folgenden Gruppen endlich zusammen an einen runden Tisch gesetzt und diese gemeinsame Stellungnahme auf Bundesebene veröffentlicht haben:

  • Bundesverband Berufsschäfer (BVBS)
  • Deutsche Tierschutzbund (DTSchB)
  • Naturschutzbund Deutschland NABU
  • International Fund for Animal Welfare (IFAW)
  • World Wide Fund for Nature (WWF)
  • Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND)
  • Deutsche Grünlandverband (DGV)
  • Ökologische Jagdverband (ÖJV)

Die unterzeichnenden Verbände sehen die Prävention und Kompensation von Wolfsübergriffen auf landwirtschaftliche Tiere als zentrale Aufgabe des Wolfsmanagements im Interesse des Artenschutzes und der Weidetierhaltung. Sie erkennen den Schutzstatus des Wolfes im geltenden Recht an. Außerdem unterstreichen sie, dass die Akzeptanz des Wolfes durch die Bevölkerung der ländlichen Regionen unabdingbar für seine erfolgreiche Rückkehr sei. Die extensive Weidetierhaltung wird als besonders naturverträgliche und unersetzliche Form der Landnutzung anerkannt. Da die Betriebe aber nun vor großen wirtschaftlichen Herausforderungen stehen, benötigen sie dringend zukunftsfähige Perspektiven. Dazu gehört die Vermeidung und Entschärfung von Konflikten mit dem Wolf. Wirtschaftliche Benachteiligungen von Weidetierhaltern in Wolfsgebieten müssen angemessen aufgefangen werden. Aus Sicht der Verbände kann daher die begründete Entnahme von Einzelwölfen durch Experten notwendig werden, insbesondere zum Erhalt der Weidetierhaltung und ihrer ökologischen Leistungen, sofern sämtliche zumutbaren Alternativen ausgeschöpft sind. „Die Rückkehr des Wolfes nach Deutschland und der Erhalt von artenreichen, extensiv bewirtschafteten Grünland-Biotopen sind zwei Seiten derselben Medaille. Es ist daher an der Zeit zusammen zu arbeiten, im gemeinsamen Interesse von Weidetierhaltern, Tierschützern, Jägern und Naturschützern. Unser Papier ist der Beginn dieser Zusammenarbeit“, erklärten die Verbandsspitzen auf der gemeinsamen Pressekonferenz in Berlin.

Die Verbände fordern weiterhin die Einrichtung eines nationalen Zentrums für Herdenschutz. Damit sollen Erfahrungen zentral gebündelt und in die Wolfsmanagementpläne der Länder eingebracht werden. Entscheidend sei darüber hinaus ein unbürokratischer Herdenschutz, sowie zeitnahe Schadensausgleiche für Wolfsübergriffe, auch für weitere betriebliche Schäden, die durch den Wolf verursacht wurden. „Herdenschutz muss fachgerecht, in Wolfsgebieten flächendeckend und den jeweiligen Bedingungen angepasst sein. Weidetierhalter brauchen dafür geeignete Zäune, ausgebildete Herdenschutzhunde, Schulung und Beratung. Nicht nur die Einrichtung, sondern auch der Unterhalt von Herdenschutz muss zukünftig gefördert werden“, so die Verbände. Silvia Bender (Leiterin Biodiversität) vom BUND: „Herdenschutz ist immer auch angewandter Artenschutz: Der Wolf braucht die Akzeptanz der Bevölkerung und die vielen gefährdeten Offenlandarten brauchen die Weidewirtschaft. Nur durch ein Miteinander können Weidetierhalter und Naturschützer ihr gemeinsames Ziel erreichen.“ „Wir sind überzeugt: Koexistenz von Wolf und Weidehaltung ist möglich“, so auch der Präsident des NABU, Olaf Tschimpke. Der NABU ist bundesweit durch seine Landesverbände und Ortsgruppen in Projekten in der Landschaftspflege mit eigenem Weidetierbestand aktiv. Ebenfalls besitzt und betreut er Flächen, die bejagt werden. Der Verband sieht sich somit sowohl in seiner Funktion als Weidetierhalter, als auch als Landschaftspfleger.

Außerdem solle die Tierschutz-Hunde-Verordnung an die neue Situation angepasst werden, um fachgerecht Herdenschutzhunde einsetzen zu können. Diese leben eigenständig im Verbund mit ihren Herden auf landwirtschaftlichen Naturflächen. Das Tierschutzrecht muss den Bedürfnissen dieser Hunde entsprechen, ohne fachgerechten Herdenschutz zu behindern. Daher fordert die Vizepräsidentin des Deutschen Tierschutzbundes, Renate Seidel, eine Änderung der bundesweiten Tierschutz-Hunde-Verordnung für Herdenschutzhunde: Die Verordnung schreibe bislang vor, dass im Freien gehaltenen Hunden eine Schutzhütte mit wärmegedämmtem Boden zur Verfügung gestellt werden müsse. „Das sollte für Herdenschutzhunde, die sich bei ihrer Herde aufhalten, außer Kraft gesetzt werden“, so Seidel. Zudem verbiete die Verordnung gegenwärtig die Haltung von Hunden in elektrisch eingezäunten Koppeln – auch das widerspreche dem Herdenschutz. Seidel weiterhin: „Ob Wolf, Schaf, Rind oder Herdenschutzhund – wir haben eine Verantwortung für alle Tiere. Arten- und Herdenschutz können nur durch gemeinsames Handeln gelingen. Dabei muss auch die Politik Anreize schaffen und einen besseren Herdenschutz unterstützen.“ Die Verbände werden Bund und Ländern entsprechende Vorschläge unterbreiten.

Abschließend werden Bund und Länder aufgefordert, sich für die Schaffung eines Instrumentes zur Förderung des Herdenschutzes in der Gemeinsamen Agrarpolitik der Europäischen Union einzusetzen. Der europaweite Schutz des Wolfes ist verankert in der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (92/43/EWG). Herdenschutz ist damit eine europäische Aufgabe. Hierzu kommentiert der IFAW: „Unsere internationale Erfahrung zeigt uns immer wieder, dass es nachhaltige Lösungen für Mensch- Tier Konflikte nur gemeinsam mit den Betroffenen vor Ort geben kann. Dieses gemeinsame Eckpunktepapier ist ein sehr wichtiger Schritt, damit die Rückkehr des Wolfes nach Deutschland ein Erfolg werden kann.“

 

Die Reaktionen auf das Eckpunktepapier

„Wir müssen den Wolf als Wildtier behandeln. Er muss lernen, sich von Menschen und seinen Nutztieren fernzuhalten“, konterte Helmut Dammann-Tamke vom DJV auf das Eckpunktepapier. Extensive Weidetierhaltung werde zwar als unersetzlich für Natur und Landschaft gepriesen, praktikable Lösungen für den Erhalt fehlen aber. Die Situation für Kleinbauern und Schäfer sei in einigen Regionen bereits jetzt existenzbedrohend. Dammann-Tamke weiter: „Die Gesellschaft fordert immer mehr ökologische Tierhaltung, diese wird aber bei weiter rasant ansteigenden Wolfszahlen nicht mehr realisierbar sein.“ Eine Verdrahtung der Landschaft torpediere zudem alle Bemühungen zur Biotopvernetzung innerhalb des Artenschutzes. Einzelne Tiere oder Rudel, die sich „auf Nutztiere spezialisiert haben“, sollen schnell und unbürokratisch entnommen werden. Die Änderung des Wolf-Schutzstatus von „streng geschützt“ (Anhang 4 der FFH-Richtlinie) auf „geschützt“ (Anhang 5) sei deshalb längst überfällig. Ebenso dringend  und im Eckpunktepapier ausgelassen – sei die Frage der Vergrämung. Wölfe sollen mit Gummigeschossen beschossen werden, wenn sie sich Nutztieren oder Menschen nähern. So sollen sie Respekt vor dem Menschen lernen und unerwünschtes Verhalten verändern. Der Wolf habe keine genetisch verankerte Scheu vor dem Menschen. Diese werde erlernt und an die nächste Generation weitergegeben. Werde diese nicht aktiv trainiert, werden abwandernde Jungwölfe ihren Welpen zeigen, das Nutztiere leichte Beute sind und die Nähe des Menschen ungefährlich ist. „Wir sind der Auffassung, dass wir am Ende des Tages nicht am Instrument Jagd für ein sachgerechtes Wolfsmanagement vorbeikommen“, so Dammann-Tamke.

Der DBV, die Bundesarbeitsgemeinschaft der Jagdgenossenschaften und Eigenjagdbesitzer (BAGJE) sowie die Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände (VDL) kritisieren: „Die Vorschläge der Umwelt- und Tierschutzverbände sind völlig unzureichend. Die Lasten und Risiken der Ausbreitung des Wolfes werden allein den Weidetierhaltern aufgebürdet. Die Naturschutzverbände opfern die Weidetierhaltung von Schafen, Ziegen, Rindern und Pferden für den Wolf und damit den langfristigen Erhalt des Grünlandes in weiten Teilen Deutschlands.“ Die Probleme und Befürchtungen der Weidetierhalter und der Menschen im ländlichen Raum müssten endlich ernstgenommen werden. Die Naturschutzverbände würden sich einer ernsthaften Diskussion über die Zukunft der Weidetierhaltung im Spannungsfeld mit der Ausbreitung des Wolfs entziehen, indem sie sich hinter den europäischen Naturschutzvorgaben verstecken und vorhandene Spielräume verschweigen. Der Naturschutz könne sich nicht länger der Diskussion verschließen, wie die Weidetierhaltung in Deutschland, in weiten Grünlandregionen, an Deichen, auf Almen gesichert werden kann. In Regionen, die nicht wolfssicher eingezäunt werden könnten, müsste durch eine konsequente Bestandsregulierung eine Wiederansiedlung des Wolfes ausgeschlossen werden, betonten DBV, BAGJE und VDL. In diesem Zusammenhang forderten diese Verbände volle Transparenz über die Wolfsbestände in Deutschland und den Nachbarländern und eine Anerkennung der Tatsache, dass von einem länderübergreifenden Austausch einer Wolfspopulation auszugehen sei. Es sei nicht länger hinnehmbar, dass der Naturschutz mit Hilfe von Kleinstaaterei die Population des Wolfs in Deutschland kleingerechnet werde, um EU-rechtlich mögliche Eingriffe zur Regulierung der Bestände möglichst lange hinauszuzögern.

 

Der Wolf hilft dem Wald

Sicher ist, der Wolf polarisiert. Fakt ist aber auch, Wolfsrudel können helfen, z.B. zu große Hirsch- und Rehpopulationen zu kontrollieren, weswegen er bei Förstern immer beliebter wird. Erste Belege dafür gibt es am Calanda-Massiv im Churer Rheintal.

In Graubünden gelten 60% der Wälder als Schutzwälder und sie stehen unter massivem Druck. Wie an vielen Orten der Schweiz bedrängen auch dort zu viele Hirsche und Rehe die Wälder. Der Jungwuchs stirbt ab, weil er angefressen wird. Die Wälder drohen zu überaltern (21%) und werden instabil. Im Berggebiet ist das besonders problematisch, haben Wälder dort doch oft eine Schutzfunktion vor Lawinen, Steinschlägen und Erdrutschen.

Mathias Graf v. Schwerin (2. Vorsitzender vom ÖJV) daher zum vorgestellten Eckpunktepapier: „Der Wolf kann sich in Deutschland ausbreiten, weil unter anderem die hiesigen Schalenwildbestände zu hoch sind. Er ist nicht auf Weidetiere als Nahrungsquelle angewiesen. Wir zukunftsorientierten Jäger unterstützen die Forderungen der Weidetierhalter nach Herdenschutzmaßnahmen und sind überzeugt, dass ein Nebeneinander von Wolf und extensiver Weidewirtschaft möglich ist“.

Buchenschutzgebiet im Steigerwald
Wolfsschutz = Waldschutz

 

Fazit: Der Wolf polarisiert und festigt dadurch leider auch die Meinungen bestimmter Interessensgruppen/potentieller politischer Wähler

An den unterschiedlichen Reaktionen auf das Eckpunktepapier wird wieder einmal deutlich, dass Gegner und Befürworter des Wolfs eine erbitterte ideologische Schlacht führen – wohl einzigartig in der deutschen Naturschutztradition. Manche Umweltverbände haben aus unserer Sicht in der Vergangenheit in dem Sinne überzogen, dass sie sämtliche Risiken für moderne Kulturlandschaften ausblendeten und den Wolf mit einer natürlichen Scheu vor dem Menschen versahen. Bevor die Bundesländer eine fachliche Grundlage für den Umgang mit den streng geschützten Wölfen finden konnten, waren die Debatten dann leider schon vergiftet.

Wir – als unabhängige Umweltstiftung – legen besonderen Wer darauf, uns dem Thema „Rückkehr der Wölfe“ fachlich, sachlich und gleichzeitig kritisch zu nähern. Auf Basis von Diskussionen mit Experten aus den verschiedenen Fachbereichen bieten wir eine kostenlose Plattform zur Informationsbeschaffung (z.B. Umweltbildungsmaterial, Leitfaden für Herdenschutz) und plädieren für eine möglichst konfliktfreie Koexistenz zwischen Mensch, Nutztier und Wolf – wie es auch bekanntermaßen in anderen europäischen Ländern schon lange möglich ist. Wie gehabt, fordern wir weiterhin die öffentlichen Behörden auf (speziell die Bayerischen), die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen hinsichtlich Prävention und Kompensation zu schaffen, um die betroffenen Nutztierhalter zu unterstützen und zu entschädigen (Stichwort: Managementplan Wolf, Stufe III). Das Eckpunktepapier ist aus unserer Sicht ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Die Reaktionen zeigen jedoch auch, dass noch mehr als bisher ein offener Austausch stattfinden muss, um konstruktive Lösungen zu finden. Klar ist jedoch: die bisherige Weidetierhaltung wird sich mit der Anwesenheit des großen Beutegreifers ändern müssen, das dürfte mittlerweile allen direkt und indirekt Betroffenen klar geworden sein.


Posted in Herdenschutz, Wolf and tagged , , by with no comments yet.

Traurig aber wahr: noch immer kein staatliches Förderprogramm für Herdenschutz

von Franziska Baur

 

SPD-Umweltexperte Florian von Brunn hakte per Landtagsanfrage beim Landesamts für Umwelt (LfU) vor einiger Zeit nach, was das Projekt „Begleitung, Umsetzung und Weiterentwicklung des Präventivfonds“ der letzten fünf Jahre für das bayerische Wolfsmanagement in Sachen Herdenschutz ergeben haben. Die Antwort liegt nun vor und ist ernüchternd. Trotz einiger Erkenntnisse – und der völlig vorhersehbaren Rudelgründung – steht immer noch kein entsprechendes Förderprogramm zur Verfügung, während der Managementplan für Wolfsrudel (Stufe 3) ebenso nach wie vor auf seine Fertigstellung wartet.

 

Die mit Mitteln des Fonds umgesetzten Pilotprojekte, in welchen Präventivmaßnahmen gegen Wolfsangriffe und Sofortmaßnahmen zum Schutz von Weidetiere getestet wurden (oder getestet werden sollten), beinhalteten u.a. folgende Maßnahmen:

·         Beratung/Fachexkursion/Infoveranstaltung Herdenschutz

·         Zertifizierung Herdenschutzhunde

·         Ankauf/Erprobung Futterspender für Herdenschutzhunde

·         Erfahrungsbericht zur Zäunung

·         Ankauf/Ausleihe Zaunmaterial

·         Erprobung und Optimierung Zäunung (Gehegewild und Weidetiere)

·         Herdenschutzkonzept für Almen

herdenschutz

Aufbau eines Schutzzaunes

Projektpartner waren u.a. Agridea aus der Schweiz, das Büro Ringler, Verein Herdenschutzhunde e.V., eine externe Kynologin sowie der Verein Ortros aus Spanien.

23 Betriebe nutzten bisher das Angebot des LfU zur Ausleihe mobil einsetzbarer Elektrozäune. Das Umweltministerium leitet aus den Erfahrungswerten klare Vorgaben für eine wirkungsvolle Umsetzung eines Wolfschutzzauns ab: mindestens 90 cm hoch sollte er sein, 4-5 elektrische Litzen haben oder dichtmaschig sein. Ein stromloser Zaun muss einen halben Meter höher sein und braucht Untergrabschutz, Zaunschürze oder Elektrolitze. Einen Fördertopf für solche Zäune gibt es dennoch nicht. Zäune allein reichen jedoch vor allem im Alpenraum nicht als Schutz gegen Wolfsrudel aus. Weil die Herden hier verstreuter sind, brauche es auch Schutzhunde. Das LfU will jedes Almgebiet einzeln auf seine Eignung für Herdenschutzhunde prüfen, allerdings erst mittel- und langfristig, heißt es in der Antwort des Umweltministeriums auf die SPD-Anfrage. Bei Bauern und Schäfern ist laut Bericht die Bereitschaft für eine ordentliche Zäunung deutlich höher als für Anschaffung und Haltung von Hunden.

Derzeit sind noch einige Evaluationen sind offen, manche Maßnahmen laufen noch. Was auffällt und leider nicht verwundert, ist der Punkt „Herdenschutz für Almen“, welcher 2014 stattfinden sollte, aber abgebrochen werden musste, da nach Angabe des Ministeriums die „Zustimmung der Almbauern“ fehlte.

Die Erkenntnisse aus dem fünfjährigen Projekt sollen in die bayerische Förderrichtlinie zur Prävention gegen Übergriffe großer Beutegreifer auf Weidetiere einfließen. Die Nutztierhalter wurden über einen Emailverteiler über die Ergebnisse informiert, jedoch baten einige der beteiligten Betriebe um Anonymität. Schade, dass diese Präventivmaßnahmen durch den lokalen Widerstand keine Chancen auf den bayerischen Almen bekamen. Dass trotz jahrelanger Vorbereitung noch immer kein Herdenschutz-Förderprogramm fertig ist, könnte demnach an deren Lobbyverbände (z.B. Bauernverband) liegen.

Faktisch wurde dennoch – auch ohne erneute Erprobung – bereits aus dem früheren Modellprojekt „Zusammenlegung von Herden an der Rotwand mit anschließender Integration von Hüte- und Schutzhunden unter Berücksichtigung der potenziellen Weideführung sowie des hohen Touristenaufkommens“ (2011) die Tauglichkeit der Präventionsmaßnahmen auch im Alm- und Alpgebiet bereits bewiesen. Um diese hierzulande dauerhaft zu implementieren, ist laut Ministerium jedoch eine enge Zusammenarbeit mit den betroffenen Almbauern und Älplern, den Alm- und Alpwirtschaftlichen Verbänden erforderlich. Diese hätten jedoch am liebsten sogenannte „wolfsfreie Zonen“, was hinsichtlich des großzügigen Wanderverhaltens von Wölfen (teilweise bis zu 1000 km) utopisch ist und internationalen Schutzgesetzen widerspricht.

Alm

Auch im alpinen Bereich ist Herdenschutz notwendig und möglich

Dass es im reichsten Bundesland in Anbetracht der aktuellen Lage – wo ein Wolfsrudel aus der weiten Ferne in die reelle Nachbarschaft gerückt ist – nur einen Präventivfonds für Pilotprojekte und nicht für jeden Otto-Normal-Schäfer gibt, zeugt von politischer Entscheidungsarmut. Mal ganz abgesehen von manchen Almbauern, gibt es reichlich Weidetierhalter, die Verantwortung für ihre Tiere übernehmen und Herdenschutzmaßnahmen in Anspruch nehmen würden, aber es finanziell alleine schlichtweg nicht stemmen können.

Herdenschutzhunde

Kangale als Herdenschutzhunde

Ein Beispiel für solch einen engagierten Schäfer, welcher nach eigenen Angaben die Anwesenheit des Wolfes akzeptiert hat und nun einen Weg finden möchte mit ihm zu leben, ist Johannes Rudorf. Er arbeitet erfolgreich mit spanischen Mastins, seltenen Herdenschutzhunden, die bei uns unter die Kampfhundeverordnung fallen. Somit stoßen Schäfer nicht nur bei der kostspieligen Finanzierung, sondern auch bei der Hunderassenwahl auf weitere (tierschutz-)gesetzliche Schwierigkeiten – obwohl das Ziel der Herdenschutzmaßnahme selbst doch Tierschutz sein sollte. Die bisher geltenden Richtlinien und Steuersysteme zum Umgang mit Kampfhunden als Herdenschutzhunde sowie tierschutzrechtliche Haltungsverordnungen bezüglich Herdenschutzhunde allgemein (Schutzhunde, Elektrozaun) sind umstritten. Das Video zum ‚Expertengespräch Wolf‘ der SPD-Landtagsfraktion vom 16. Mai 2017 finden Sie unter folgendem Link: https://www.youtube.com/watch?v=PWq9lvL6gV0SPD

 

Laut LfU befindet sich das staatliche Programm zum Herdenschutz weiterhin „in Vorbereitung“ und soll schließlich den Präventivfonds ersetzen. Wann es soweit sein wird, steht in den Sternen.


Posted in Herdenschutz, Wolf and tagged , by with no comments yet.