Der Wolf im Spannungsfeld von Land- und Forstwirtschaft, Jagd, Tourismus und Artenschutz von Klaus Hackländer (Herausgeber) – Teil 4

Eine etwas andere Rezension.Der Wolf Cover – Der Wolf im Spannungsfeld
Im digitalen Zeitalter und herausgefordert durch eine Ausgangsbeschränkung beschäftigt sich der Mensch gerne mit „Challanges“. Wir nehmen unsere selbst auferlegte Herausforderung an und … lesen ein Buch. Jeden Tag ein Stückchen weiter und parallel dazu lassen wir Euch an unseren Eindrücken, Gedanken und Ergänzungen dazu teilhaben. Wer Fragen hat, darf fragen. Wer sich auch äußern mag oder ergänzen, darf das auch gerne.

 

Teil 4 Wolfsvorkommen in Österreich und seinen Nachbarländern von Georg Rauer

Dr. Georg Rauer ist Wolfsbeauftragter der Koordinierungsstelle für Braunbär, Wolf und Luchs  am Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie an der Vet.med Uni in Wien.

Quellen der Wolfsausbreitung

Die Entwicklung der Wolfpopulationen in neuen Gebieten erfolgt rasch: 20 Jahre nach Bestätigung des ersten Wolfspaares in Deutschland sind 75 Rudel (2017/2018) in Deutschland ansässsig. Anmerkung: 2018/2019 sind es 105 Rudel. Auch in Italien und Slowenien steigen die Zahlen an, wenn auch weniger stark. In Italien leben Wölfe in den Westalpen. Sie wanderten aus dem Apennin ein. Auch in den Ostalpen leben Wolfsrudel. In Slowenien lebten 2016/2017 10-14 Rudel (dinarisches Gebirge). Die Angaben aus der Slowakei sind unterschiedlich. Rauer nennt die Spanne aus der Jagdstatistik mit bis zu 2200 Wölfen und den Schätzungen der Naturschutzbehörde von bis zu 600 Tieren. Wolfsvorkommen und „Quellen“ für Bayern

Der Wolf im Spannungsfeld: Zielland Österreich

Der Wolf in ÖsterreichJungtiere verlassen mit Erreichen der Geschlechtsreife ihre Rudel und können weite Strecken zurücklegen. Wölfe sind im Neubesiedeln von Gebieten sehr gut. Gute „Kolonisatoren“, nennt Rauer das. Damit liegt Österreich für Wölfe aus diversen Regionen gut. Anmerkung: Ebenso Bayern!
Genetische Analysen lassen Rückschlüsse auf Herkunft, manchmal sogar auf das Ursprungsrudel zu. (Siehe weiter unten im Text “Genetische Herkunftsbestimmung”)

Der Wolf im Spannungsfeld: Die Situation in Deutschland

Wölfe wurden vereinzelt schon zu DDR Zeiten geschossen. Vollkommen wolfsleer war das Gebiet damit nicht. Nur dauerhafte Ansiedlung und Reproduktion wurde nie nachgewiesen. Wölfe sind sehr anpassungsfähig. Mit dem Sesshaftwerden des ersten Paares (aus Ostpolen), nahm eine schnelle Entwicklung ihren Lauf, im Durchschnitt um 30% jährlicher Zuwachs. Wölfe nutzen, trotz Anpassungsfähigkeit an unsere Kulturlandschaft, gerne ruhige Rückzugsräume wie bspw. auf den Truppenübungsplätzen. Rauer sieht das Populationswachstum gekoppelt an die Möglichkeiten der Ausbreitung, die bislang in Deutschland ausreichend bestehen. Die Ausbreitung erfolgte v.a. ist Richtung Nord-West. Mittlerweise gibt es auch vereinzelt Wandungen in südliche Gebiete. Das ist für die hier angrenzenden Länder wichtig.

Der Wolf im Spannungsfeld: Situation in der Schweiz

1995 kam es zu ersten Wolfsbeobachtungen in der Schweiz. Die Tiere kamen aus dem Apennin. Dennoch dauerte es 15 Jahre bis eine Reproduktion nachgewiesen wurde. Jan2017/Dez 2018 wurden 48 Wölfe genetisch bestätigt. Im Calanda bildete sich das erste Wolfsrudel. Weitere siedeln im Tessin und im Wallis. Von Mehreren Regionen können Wölfe in die Schweiz gelangen. Eine Verpaarung scheint es noch nicht gegeben zu haben.
Im Bayerischen Wald gründeten eine Wölfin aus den Westalpen und ein Rüde aus Sachsen das erste Rudel. Bei Verona verpaarten sich einen Wölfin aus den Westalpen mit einem Wolfsrüden aus Slowenien. Weitere „Mischehen“ sind nicht bekannt.

Der Wolf im Spannungsfeld: Situation Südtirol

Im Trentino gab es das erst Rudel 2013, mittlerweile gibt es 6-7 Rudel. Seit 2017 gibt es in Südtirol ein Rudel. In Italien gibt es Rudel die Rinder attackieren. Das Südtiroler Rudel tut das bislang nicht.

Genetische Herkunftsbestimmung

Genetische Proben kann man aus Blut, Speichel oder Gewebe entnehmen und untersuchen. Untersucht wird die mitochondriale DNA (mtDNA). Diese wird nur über die Mütter vererbt. Aus dieser DANN werden bestimmte Bereiche analysiert.

Anmerkung und Exkurs: mtDNA. Lange her, aber man hebt so manches auf und kann dann auch Wissen wieder auffrischen. Danke „Lehrbuch der Molekularen Zellbiologie“ (B. Alberts et al; Verlag Wiley-VCH) Mitochondrien sind sogenannte Kraftwerke der tierischen Zellen. Sie haben eine eigene DNA, was daher kommt, dass sie in einer früheren Form mal eigenständig waren und im Laufe der Entwicklung dann in tierische Zellen aufgenommen wurden. Mitochondrien oxidieren (vereinfacht heißt das sie brauchen dazu Sauerstoff) Nährstoffmoleküle und produzieren Adenosintrophosphat, einen wichtigen Stoff für viele Vorgänge in der Zelle. Im Regelfall (Es gibt wohl auch seltene Ausnahmen) wird diese DNA von den Muttertieren auf den Nachwuchs übertragen (also bei allen mit tierischen Zellen, uns eingeschlossen). Warum? Im Kopf der Samenzellen wird nur die Zellkern-DNA transportiert, Eizellen beinhalten zusätzlich noch die mtDNA. Es verschmelzen nur der Kopf der Samenzelle und die Eizelle.

Innerhalb einer Art kann es Varianten auf den zur Bestimmung herangezogenen DNA Abschnitten geben. Diese werden dann in verschiedene Haplotypen aufgeteilt. Daran kann man Tiere z.B. aus den Westalpen und der Tierflandpopulation unterscheiden.
Die Wanderfreudigkeit von Wölfen ist nicht neu. Rauer begründet die vermehrte Ausbreitung und Wanderung der Wölfe heutzutage damit, dass in früheren Zeiten der Nachwuchs Verluste in den Ursprungsgebieten ausgeglichen hat, damit das Fortgehen nicht notwendig war.

Der Wolf wird alltäglich/Erste Rudel in Österreich
Ab 2009 wurden in Österreich jährlich mehrere Wölfe nachgewiesen. Rauer führt das auch darauf zurück, dass ab diesem Jahr ein geregeltes Monitoring stattfand und Wolfmeldungen systematisch überprüft wurden. Anmerkung: Das ist natürlich immer die Frage: gibt es mehr Tiere oder schaut man nur besser hin? Vermutlich bedingt sich das auch gegenseitig. Auch in Bayern wird besser hingesehen und Nachweisen nachgegangen. Dafür mussten sich erst Strukturen bilden. Diese sind aber gerade in der Anfangszeit der Wiederbesiedlung dringend notwendig, um einen guten Umgang mit der Tierart zu finden. In Bayern gibt es regelmäßig Wolfsnachweise, auch außerhalb der bekannten Wolfsterritorien. Das Landesamt für Umwelt listet die Nachweise hier auf. https://www.lfu.bayern.de/natur/wildtiermanagement_grosse_beutegreifer/wolf/monitoring/index.htm

2016 gründete sich das erste österreichische Rudel auf dem Truppenübungsplatz Allentsteig. Rauer geht davon aus, dass die nicht nur ein guter (Rückzug, Nahrung) Lebensraum ist, sondern die Elterntiere auch auf Truppenübungsplätzen aufgewachsen sind, sich also ähnliche Strukturen wieder gesucht haben. 2018 kam es zu zwei neuen Rudelbildung im Waldviertel. Anmerkung: 2019 scheint es in Österreich nur mehr ein Rudel gegeben zu haben.

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Der Wolf im Spannungsfeld von Land- und Forstwirtschaft, Jagd, Tourismus und Artenschutz von Klaus Hackländer (Herausgeber) – Teil 3

Eine etwas andere Rezension.Der Wolf Cover
Im digitalen Zeitalter und herausgefordert durch eine Ausgangsbeschränkung beschäftigt sich der Mensch gerne mit „Challanges“. Wir nehmen unsere selbst auferlegte Herausforderung an und … lesen ein Buch. Jeden Tag ein Stückchen weiter und parallel dazu lassen wir Euch an unseren Eindrücken, Gedanken und Ergänzungen dazu teilhaben. Wer Fragen hat, darf fragen. Wer sich auch äußern mag oder ergänzen, darf das auch gerne.

Teil 3 Biologie und Ökologie des Wolfes von Andreas Daim

Andreas Daim, Msc.,  ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut von Prof. Hackländer.

In eigener Sache weisen wir hier erstmal auf unser Homepage hin, auf der wir kurz, knapp und knackig den Wolf: https://www.bayern-wild.de/kompaktwissen/wolf/  vorstellen. Und wer dann tiefer einsteigen will dem steht eine Vielzahl an guten Internetseiten und Büchern zur Verfügung. Oder eben auch unsere Zusammenfassung von Andreas Daims Beitrag:

Der Wolf ein Rudeltier

Ein Rudel ist ein Familienverband: Zwei Elterntiere, Nachwuchs aus dem aktuellen und dem vergangenen Jahr. Bis zu elf Welpen nennt, Daim, im Durchschnitt sind es 4-6. Anmerkung: Die Zahlen und Angaben schwanken immer. Es kommt auf das Alter (erster Wurf?) und die Fitness der Mutter an, bei der Aufzucht selbst beeinflussen dann neben Nahrungsverfügbarkeit auch Wetter und Krankheiten die Überlebensrate der Wölfe. Unterschiedliche Angaben sind also keine falschen Zahlen. Und pauschale Zahlen geben zwar einen Eindruck, lassen aber nicht ohne weiteres „einfache“ Hochrechnungen der Bestandesentwicklung zu.
In Europa besteht ein Rudel im Durchschnitt aus 7 Tieren. Im Rudel herrscht eine Rangordnung. In der Regel pflanzen sich nur die Elterntiere fort.
Jungtiere wandern meist im zweiten Jahr, mit Erreichen der Geschlechtsreife, ab. Auch eine niedrige Stellung im Rudel scheint eine Rolle zu spielen. Diese Tiere kommen beim Futter zu kurz. Der Hunger lässt sie dann also neue Wege gehen. Und wer seine Stellung im Rudel verliert, neigt auch dazu lieber auszuziehen. Ansonsten ist es im Rudel recht ruhig. Durch die klare Hierarchie gibt´s da selten was zu meckern. Seine Position bestärkt sein Wolf über sein Verhalten, Geruch und Laute.

Der Wolf im Jahreslauf

Wie bei allen Lebewesen ist das Leben auf Fortpflanzung ausgerichtet. Wie das Territorium genutzt wird hängt ganz maßgeblich von den Jungtieren ab. Kurz vor und nach der Geburt im April/Mai sind Wölfe ziemlich eingeschränkt in ihrem Aktionsradius und halten sich am Bau auf. Ab etwa 3 Wochen werden Wolfswelpen zunehmend aktiver und verlassen dann mit ca. 8 Wochen den Bau. Auf sogenannten Rendezvou-Plätzen verbringen die Wolfs Welpen ihre Zeit, während die „Großen“ auf Jagd gehen. Hier werden sie versorgt. Am Anfang halten sich die Tiere ca. 20 Tage an einem Platz auf, bevor ein neuer bezogen wird. Später im Jahr (August/September) sind es dann nur noch ca. 7 Tage. Die jungen Wölfe werden immer fitter und können im Spätherbst mit den Erwachsenen mitziehen.
Der Tageslauf der Wölfe dreht sich ums Fressen. In der Abenddämmerung geht es zur Jagd, in der Nacht, spätestens in den Morgenstunden geht es ins (schattige) Tageslager. Dies gilt vor allem für die heißen Sommermonate. Die Aktivitätsmaxima der Wölfe bezeichnet Daim als nicht vom Menschen beeinflusst sondern beeinflusst durch die Aktivität der Beutetiere. Da diese aber oftmals auf menschliches Verhalten reagieren und dämmerungs- und nachtaktiv sind, verhalten sich auch die Wölfe dementsprechend.

Wölfe laufen bekanntlich weit: Bis zu 1000km auf der Partnersuche. In Finnland (Tundra) sind Wölfe mal 200km am Tag gelaufen. In den USA weiß man, dass gerade im Winter Tageswanderungen von 50-70km vorkommen. Im Schnee schön im Gänsemarsch um Energie zu sparen. Ansonsten ist ein Tagesdurchschnitt bei 25km, ohne Welpen. Je höher die Beutetierdichte, desto geringer natürlich die Distanzen, die zurückgelegt werden müssen. Da wird sich die Tundra von hiesigen Wäldern unterscheiden.
An einem Tag wird ungefähr ein Zehntel des Revieres genutzt. Am nächsten Tag ein weitestgehend anderer Bereich usw. usw. Das hat mehrere Vorteile: Beutetiere werden aufmerksamer wenn Wölfe jagen, das schmälert den Jagderfolg. Also lieber in ein Gebiet, dass die Wölfe schon länger nicht mehr genutzt haben. Hier sind Reh, Hirsch und Co unvorsichtiger und damit leichter zu erbeuten. Außerdem kommt man, also Wolf, so im Laufe der Wochen fast einmal rum und kann Markierungen auffrischen. Wölfe nutzen gerne Wechsel anderer Wildtiere und Wege der Menschen.

Essen

Gefressen wird, was vorhanden und am einfachsten zu erbeuten ist. Rehwild, Rotwild, Schwarzwild, Damwild, Gämsen, Muffel. Auch Biber, Dachs, Hasen, Maus, Fische, Insekten, Aas, Abfälle… der Wolf ist da flexibel. Schafe, Ziegen, Rinder, Pferde können, wenn nicht zu riskant und wehrhaft, auch gerissen. Der Wolf Grafik
Wer schwach (krank), jung (unvorsichtig, unerfahren) oder alt (langsam) ist, wird leichter Opfer eines Wolfsangriffes. Auch die Paarungszeit ist nach Daim eine gefährliche für Beutetiere.
Hohe Schalenwilddichten und geschützte Nutztiere lassen Wölfe weitestgehend Schalenwild fressen und Nutztiere verschonen. In diesem kurzen Abriss geht Daim aber nicht weiter auf die Schutzmaßnahmen, Studienort, Anzahl Weidenutzung bzw. Weidesystem ein. Wohl aber merkt er an, dass Rissraten an Nutztieren nicht vorhersehbar sind. Ja, es gibt Regionen in denen die Nutztierrisse mit etablierten Rudeln zurückgehen, in anderen Regionen mit weniger Schalenwild werden fast ausschließlich Nutztiere gerissen (Portugal). Anmerkung: Wichtig ist Daims Aussage, dass eine Generalisierung und Übertragung auf andere Gebiete und Gegebenheiten nahezu unmöglich ist. Wir können davon lernen und sollten Beispiele im Hinterkopf haben, sie müssen aber nicht zwingend die Variante und Lösung bei uns sein.
Habituierung, also Gewöhnung der Wölfe an den Menschen muss vermieden werden. Die Wildtiere dürfen den Menschen nicht mit positivem, wie z.B. Futter verbinden. Das birgt starke Konflikte in sich und wird im Fall der Fälle zum Tod des Wolfes führen müssen.

Wieviel Beute braucht der Wolf?

Wölfe sind Hetzjäger. Im Rudel können sie durch gute Zusammenarbeit große wehrhafte Tiere erlegen. Mit Bissen in Hinterbeine und Flanken wird die Beute gestoppt, runtergezogen und im Regelfall mit einem Kehlbiss getötet. Kleine und junge Tiere können komplett gefressen werden, bei größerer Beute bleiben schon mal Wirbelsäule, Schädel zurück. Bei Tieren auf gezäunten Weiden und in Gattern kann es zu Mehrfachtötungen kommen.  Das wir einmal durch ein wenig ausgeprägtes Fluchtverhalten der Weidetiere erklärt (v.a. für Schafe trifft das zu) und durch die eingeschränkte Fluchtmöglichkeit. 2016 waren im Durchschnitt in Deutschland 3,8 Nutztiere die pro Angriff getötet wurden. Anmerkung: 2018 waren es im Durchschnitt 3,2 getötete Tiere. Die Zusammenstellung der Wolfsübegriffe in Deutschland von 2002-2018 zeigt, dass zu 86,5% Schafe und Ziegen handelt, gefolgt von 8,8% Gatterwild und 5,3% Rinder (Kälber). Quelle: https://www.dbb-wolf.de/wolfsmanagement/herdenschutz/schadensstatistik
Die Angaben zu Nahrungsbedarf und Rissrate schwanken stark. Das stellt Daim fest und sicherlich auch jeder, der dazu schon verlässliche Zahlen gesucht hat, hat dies bereits bemerkt. Sie reichen von 1,7-10,0 kg Fleisch pro Tag und Wolf. Anmerkung: Puh, mit welchen Zahlen kann man da dann sinnvoll rechnen? Sinnvoll ist als erstes die Tatsache: wir haben es mit natürlichen Vorgängen zu tun, und die sind selten in eindeutige, immer gültige fixe Zahlen zu packen. Es ist einfach so: es kommt drauf an… Region, Beutetiere, Wolfsindividuen (Größe, Alter, Geschlecht, Jahreszeit), auch Aufnahmekriterien der jeweiligen Studie, wurde reine Fleischasse berechnet oder Biomasse (Gesamtgewicht Knochen, Fell, Innereien, Fleisch)…? Um es vereinfacht dazustellen haben wir uns für den durchschnittliche Angabe 5kg entschieden, wenn jemand eine Zahl genannt bekommen will. https://www.bayern-wild.de/kompaktwissen/wolf/ Immer mit dem Zusatz „es kommt drauf an“ und unseren Ausführungen dazu in diversen Gesprächen.
Beispiel Studie: Bialowieza: durchschnittlich 5,3kg Fleisch pro Wolf und Tag. Zum Überleben ausreichend: 2-3 kg. Durchschnittlich 7,7kg Biomasse pro Wolf und Tag.

Lebensraumeignung Österreich

Wir sind so frei und ersetzen dieses Kapitel weitestgehend mit Daten für Bayern.
Grundsätzlich können Wölfe bei uns überall vorkommen, zumindest alle Regionen durchziehen. Wo letztendlich ein Rudel dauerhaft ansässig wird ist dann nochmal eine andere Frage. Es gibt wohl Hinweise, dass waldreiche Gebiete und Gebiete mit wenig menschlicher Störung bevorzugt werden. Anmerkung: Aber wir kennen die Geschichten der Wolfsrudel aus Italien und Rumänien, die durchaus menschliche Strukturen nutzen, Müllkippen als Futterquellen aufsuchen und sich von Menschen nicht weiter stören lassen. Auch die Truppenübungsplätze in Sachsen sind nicht für ihr undurchdringliches Dickicht bekannt. Allerdings finden Wölfe hier ruhige Rückzugsräume und Futter.
Wichtig sind die Faktoren Nahrung und Jungenaufzucht. Daim nennt eine ungestörte Kernzone für die Jungenaufzucht von 10km².
In Untersuchungen kam man zum Ergebnis, dass Wölfe in Gebieten mit einer Bevölkerungsdichte von 0-3050Menschen/km² vorkommen, im Durchschnitt 36,7 Menschen/km². Anmerkung: Das sind wieder Spannen, mit denen in Gesprächen über den Wolf kein Blumentopf zu gewinnen ist. Sie sind wichtig für eine faktische, wissenschaftliche Grundlage. Aber ehrlich: in einer Diskussion darüber, ob der Wolf bei uns geeigneten Lebensraum findet oder nicht, sind Zahlen oft hinfällig. Da geht es um Gefühle. Wir finden: wenn sich eine Tierart irgendwo zeigt, dauerhaft anwesend ist und auch noch Nachwuchs aufzieht, dann ist das ein ganz elementares Zeichen, dass der Lebensraum geeignet ist. Zumindestens aus Sicht des Tieres. Das er aus menschlicher Sicht ungeeignet erscheint, ist dann nochmal was andere.

Wie viele Wölfe haben in Österreich Platz?

Auch hier erlauben wir uns die bayerische Ergänzung zum Kapitel.
Wolfsterritorien können sich in Randbereichen überlappen. Prinzipiell werden die Gebiete aber verteidigt und natürlich gerade an den Außengrenzen mit “besetzt” (Urin und Kot) markiert. Anmerkung: In Bayern ist es so, dass das Paar in Grafenwöhr durchaus in das Territorium des Veldensteiner Rudels wechselt. Es gibt auch Berichte in denen einzelne Wölfe eine ganze Zeit in besetzten Rudel Territorien geduldet werden.
Auch die Angaben zu den Größen der Territorien schwanken. Denn wir wissen: Es kommt drauf an…nämlich auf:
Nahrungsverfügbarkeit (Anzahl, Beutetierart), Topographie, Rudelgröße. Streifgebiete können sich auch ändern und verschieben. In Deutschland liegt die durchschnittliche Reviergröße eines Rudels (Lausitz) bei 215km². Das österreichische Rudel in Allentsteig durchstreift 157km². Streifgebiete in Sommer sind meist kleiner, als die im Winter. Wie viele Rudel in einem Gebiet vorkommen wird durch Nahrungsverfügbarkeit, Konkurrenz und Territorialverhalten bestimmt.
Wachstumraten in den ersten Jahren nach der Rückkehr können sehr hoch sein. Beispielsweise in Gebieten der USA von 1993.1996 um 90% mit einer durchschnittlichen jährlichen Rate von 50%. In Frankreich war die Spanne (seit 1992) zwischen 5-25 jährlichen Zunahme.  In Deutschland stellte man von 2016 auf 2017 eine Zunahme von 30% fest.

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Der Wolf im Spannungsfeld von Land- und Forstwirtschaft, Jagd, Tourismus und Artenschutz von Klaus Hackländer (Herausgeber) – Teil 2

Eine etwas andere Rezension.Wolf – Cover des Buchs
Im digitalen Zeitalter und herausgefordert durch eine Ausgangsbeschränkung beschäftigt sich der Mensch gerne mit „Challanges“. Wir nehmen unsere selbst auferlegte Herausforderung an und … lesen ein Buch. Jeden Tag ein Stückchen weiter und parallel dazu lassen wir Euch an unseren Eindrücken, Gedanken und Ergänzungen dazu teilhaben. Wer Fragen hat, darf fragen. Wer sich auch äußern mag oder ergänzen, darf das auch gerne.

Teil 2 Der Wolf kommt zurück – und jetzt? Von Klaus Hackländer

Prof. Dr. Klaus Hackländer arbeitet am Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft der BOKU in Wien. Er geht in diesem Kapitel auf den Schutzstatus des Wolfes und den Einfluss durch den Wolf ein.
In Europa geht man von 17.000 Wölfen aus. Weiterhin nehmen die Bestände wieder zu. Woran das liegt? Hackländer sieht 3 Faktoren: Zunahme der Beutetierbestände. Landflucht der Bevölkerung. Schutzstatus und dessen Umsetzung.
In den meisten EU Ländern seien die Rotwildbestände seit den 1960er Jahren um 400-700% angestiegen. Anmerkung: Das klingt unglaublich, wenn man Deutschland betrachtet. Hier werden Rothirsche auf sogenannte Rotwildbezirke beschränkt. Außerhalb müssen sie abgeschossen werden. Um natürliches Wanderverhalten im Winter aus höheren Lagen zu verhindern werden vielerorts Futterstellen und Wintergatter betrieben. Nun gut, aber Deutschland ist ja auch nur ein Teil der gesamten EU.
Verbreitung Hirsch in Deutschland: hier.

Nach einigen internationalen und nationalen Gesetzten, die Hackländer auflistet, die wir uns hier aber sparen, da schon sehr oft erwähnt, ist der Wolf streng geschützt. Wer alle Gesetze wissen will klicke hier: https://www.bayern-wild.de/kompaktwissen/wolf/

Oft werde Stimmen laut, dass der Wolf in seiner europäischen Gesamtheit nicht gefährdet ist. Und die Tendenz der Wolfsbestände auch in Deutschland ist stetig zunehmen. In der FFH Richtlinie Anhang IV ist der Wolf streng geschützt. In Einzelfällen kann es zu Ausnahmen kommen. Dabei muss sichergestellt sein, dass es keine andere Lösung gibt und der Gesamtbestand im natürlichen Verbreitungsgebiet nicht gefährdet ist. Anmerkung: Ja, im Gesamten betrachtet scheint des den Wölfen in Europa nicht schlecht zu gehen. Doch ist das ein Argument zu sagen andere Länder sollen sich mit den Problemen herumschlagen, im Gesamten betrachtet braucht es die Wölfe bei uns aber nicht? Bisserl unsozial, finden wir. Was „braucht“ es schon? Wir persönlich brauchen auch keine Eichkatzerl, irgendwelche Bläulinge auf irgendwelchen Magerwiesen, keine Energiemais Monokulturen, keine Supermarktverkäufer und Ärzte, denn in der Gesamt-EU gibt es sicherlich genug davon. Ironie Ende.  Es ist, Gott sei Dank oder leider, zu kurz gesehen, wenn nur das unmittelbare positive wie negative der Rückkehr von Wölfen betrachtet wird.

Nun aber zurück zum Kapitel „Der Wolf kommt zurück – was jetzt?“: Hackländer beleuchtet kurz unsere Emotionen rund um den Wolf. Er ist ein kräftiges Raubtier, zweifelsohne eine potentielle Gefahr für alles Schwächere. Auf der anderen Seite verdanken wir seiner Linie unser liebstes Haustier. (Katzenfreunde mögen uns diese Anmerkung nicht übel nehmen – Katzen (und Luchse!) sind auch toll 😉) Die relativ wenigen unmittelbaren Übergriffe und Gefahren durch Wölfe auf Menschen leitet Hackländer daraus ab, dass Länder in denen der Wolf nie ausgerottet war, den Wolf durch Jagd, legal wie illegal, (Anmerkung: und andere Schutzmaßnahmen und Vergrämungen) auf Abstand gehalten haben. Es sei nicht verwunderlich, dass Wölfe ihre Grenzen ausloten und dann dem Menschen auch näher kommen können Wirkliche Gefahr sieht Hackländer nur bei erkrankten Tieren.Wolf Ausschnitt
Gefährlich sind Wölfe aber natürlich für Weidetiere. Vergrämung und Schutzmaßnahmen waren bei uns lange Zeit nicht mehr notwendig. Weder Landbewirtschafter noch die zuständigen Behörden sind auf den Umgang mit dem Wolf im erforderlichen Maß vorbereitet. „Kompensation und Prävention von Schäden hinken der Realität hinterher…“. Anmerkung: Da hat er leider recht. In manchen deutschen Bundeländern ist man schon weiter, Bayern – sonst immer gern ein Vorreiter – hatscht da weit hinterher!

Und dann ist da noch die Jagd. Natürlich fressen Wölfe nicht nur Schafe. Anmerkung Wenn man ehrlich ist, auch nur zu einem ganz kleinen prozentualen Anteil: Was aber irrelevant ist, wenn diese 1% auf unter anderem auf meiner Schafweide stattgefunden haben und dann doch 50 Schafe tot sind.
Jäger waren bislang (bis auf ein paar Luchsgebiete) die einigen Raubtiere. Nun spielen die Wölfe mit. Nach anderen Kriterien und Maßstäben. Anmerkung: Das kann natürlich problematisch werden: wie handhaben wir das mit den Rotwildgebieten? Wie mit Wintergattern? Wie mit den Sau-Rotten die sowieso schon gut genährt durch die Maisschläge ziehen?
Hackländer erwähnt in diesem Zusammenhang die Landschaft der Furcht („Landscape of fear“). Diese besagt, dass direkte und indirekte Faktoren das Verhalten der Tiere beeinflussen. Mehr dazu auch hier: https://www.bayern-wild.de/beutegreifer-und-beute/ Interessant: Das Stresshormonlevel der Rothirsche in Wolfsgebieten scheint niedriger zu sein als in stark vom Menschen gestörten Gebieten. Irgendwas machen die Wölfe „entspannter“… Allerdings ändert sich das Verhalten gerade beim Rotwild schon: sie können sich zu größeren Rudeln zusammenschließen und übersichtlichere Äsungsflächen aufsuchen. Außerdem können sie ihr Verhalten dahingehend ändern, dass sie zu anderen Zeiten an anderen Orten fressen oder ruhen. Anmerkung: Eine Anpassung an Wolfspräsenz und damit eine Überlebensstrategie der Wölfe. Also ganz schön schlau. Nur für menschliche Jagd und auch die Forstbewirtschaftung kann das natürlich auch bedeuten, dass sie sich anpassen müssten, wenn sie können und wollen.

Wölfe, Wolfsmischlinge
Hackländer geht hier nur kurz darauf ein. „Der Streit darum ist müßig, denn es ist davon auszugehen, dass es seit der Domestizierung des Wolfes immer wieder Rückkreuzungen zwischen Hunden und Wölfen gab.“ Natürlich ist das interessant aus genetischer und akademischer Sicht. Für den Umgang mit dem Wolf scheint es Hackländer aber irrelevant und „nicht zielführend“. Anmerkung: Auch Wolfshybride unterliegen einem strengen Schutz. Daher ist das Argument, die Wölfe bei uns seien keine Wölfe, damit nicht schützenswert und abzuschießen rechtlich gesehen nichtig. Auch für ihre Entnahme ist eine arteschutzrechtliche Ausnahmegenehmigung notwendig.

„Verschiedene Blickwinkel erweitern den Horizont.“
Unsere Rede! Daher freuen wir uns auf die nun folgenden Kapitel des Buches!

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Der Wolf im Spannungsfeld von Land- und Forstwirtschaft, Jagd, Tourismus und Artenschutz von Klaus Hackländer (Herausgeber) – Teil 1

Der Wolf: Eine etwas andere Rezension.Der Wolf Cover
Im digitalen Zeitalter und herausgefordert durch eine Ausgangsbeschränkung beschäftigt sich der Mensch gerne mit „Challenges“. Wir nehmen unsere selbst auferlegte Herausforderung an und … lesen ein Buch. Jeden Tag ein Stückchen weiter und parallel dazu lassen wir Euch an unseren Eindrücken, Gedanken und Ergänzungen dazu teilhaben. Wer Fragen hat, darf fragen. Wer sich auch äußern mag oder ergänzen, darf das auch gerne.

 

Der Wolf: Teil 1 Vorwort

„Der Wolf“ ist kein herausragender Buchtitel in der Summe der Wolfsbücher die den Markt erfüllen. Und dass es nicht das einzige Wolfsbuch ist, stellt der Herausgeber Klaus Hackländer auch gleich in seiner Einleitung klar. Da gibt es Märchen von Wölfen, Teambuilding für Manager im Stil der Wölfe, Zerstörung unserer Traditionen durch die Wölfe etc. etc. „Weder Verherrlichung noch Verdammung der Wölfe ist angebracht…“ meint der Herausgeber und das können wir nur unterstreichen. Auch wir versuchen ein Gesamtbild des Wolfes zu vermitteln, als beeindruckendes Raubtier, aber durchaus mit Schwierigkeiten bei unserer Weide- und Gattertierhaltung.
Die Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) hat in zwei Projekten die Rückkehr der Wölfe aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet: Landwirtschaft, Freizeitgestaltung, Jagd, Forst. Im vorliegenden Buch wurden die verschiedenen Themen aufgearbeitet. Wir folgen ihnen nun Tag für Tag.

Der Wolf Der Wolf Der Wolf 

 

Über den Wolf gibt es eine Vielzahl an pro und contra Büchern, Bücher über Verhaltensbiologie, Märchen, Management- und Selbstfindung. Wichtig für den Umgang mit Wölfen bei uns ist eine Beleuchtung aller Sichtweisen und Faktoren.

Dies war der 1. Teil und damit nur die Einführung in die Rezension von “Der Wolf im Spannungsfeld von Land- und Forstwirtschaft, Jagd, Tourismus und Artenschutz”, geschrieben von Klaus Hackländer.
In den nächsten Beiträgen auf unserem Blog Bayern Wild werden wir das Buch nach und nach näher betrachten. Wer interessiert ist, sollte also auf gar keinen Fall vergessen auf diesen Link zu klicken…
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Umgang mit dem Wolf – Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes

von Stefanie Morbach

In den kommenden Tagen soll im Bundestag über die Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes abgestimmt werden.
Ändern soll sich:

  1. In der Inhaltsübersicht wird nach der Angabe zu § 45 folgende Angabe eingefügt: „§ 45a Umgang mit dem Wolf“.
  2. § 45 Absatz 7 Satz 1 Nummer 1 wird wie folgt gefasst: 1.„ zur Abwendung ernster land-, forst-, fischerei- oder wasserwirtschaftlicher oder sonstiger ernster Schäden,“.
  3. Nach § 45 wird folgender § 45a eingefügt: „§ 45a Umgang mit dem Wolf“
Umgang mit dem Wolf - Wolf Bundesnaturschutzgesetz
Foto: Axel Gomille

Unter „§ 45a Umgang mit dem Wolf“ werden verschiedene Umstände beschrieben unter denen ein oder mehrere Wölfe dann entnommen oder geschossen werden können, siehe dazu.
Dies alles bezieht sich auf den Wolf und im Anschreiben aus dem Bundestag entsteht der Eindruck es ginge hier einzig und alleine um den Wolf.
Allerdings soll auch folgender Abschnitt abgeändert werden:
(7) Die für Naturschutz und Landschaftspflege zuständigen Behörden sowie im Fall des Verbringens aus dem Ausland das Bundesamt für Naturschutz können von den Verboten des § 44 im Einzelfall weitere Ausnahmen zulassen
1. zur Abwendung erheblicher land-, forst-, fischerei-, wasser- oder sonstiger erheblicher wirtschaftlicher Schäden, (…)

Die Wortwahl „erhebliche Schäden“ soll dann in „ernste Schäden“ umformuliert werden. Und das würde sich nicht alleine auf den Wolf beziehen, sondern alle streng geschützten Wildtierarten, die dieser Gesetzesregelung unterliegen.
Der Wolf mag ein prominentes, medienwirksames Beispiel sein, aber schwerwiegende Auswirkungen könnte das auch für andere „unliebsame“ Arten wie z.B. dem Fischotter haben.
Ginge es nur um den Wolf, mag der ein oder andere sagen: Ausbreitungstendenz passt, Vermehrungstendenz passt … Da brauchen wir kein Aufheben um die Gesetzesänderung machen. Noch immer ist er eine streng geschützte Tierart, es gelten internationale Abkommen, der Allgemeinheit der Wölfe tut das keinen Abbruch.
Zeitgleich nutzen weitere Akteure genau diesen populären Wolf, um gegen die Gesetzesänderung zu protestieren. Ja, auch hier kann man den Wolf als „Leuchtturmart“ nutzen. Nur täuscht man damit auch diejenigen, die dem Wolf gänzlich kritisch gegenüberstehen, die grundsätzlich aber eine Verwässerung der Gesetzeslage auch für andere wichtige Wildtierarten nicht befürworten würden.
Es ist verzwickt. Wir sind gespannt, wie der Bundestag sich – hoffentlich nach intensiver, reiflicher Überlegung – entscheiden wird. Letzten Endes werden dann wohl erste Klagen und richterliche Entscheidungen die Interpretation und den weiteren Weg zeigen müssen.

Weitere Informationen: Stellungnahme Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).


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Wolf – Änderung Bundesnaturschutzgesetz

Und da kochen sie wieder die Emotionen! Am 21.5. 2019 wurde der „Entwurf eines Zweiten Gesetzes zur Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes“ im Bundeskabinett beschlossen. …und zack hatte jeder einen Kommentar. Wir halten uns zurück und versuchen den Inhalt zusammenzufassen – mit ein paar Hinweisen. Und natürlich den offiziellen Gesetzesentwurf.

Änderung Bundesnaturschutzgesetz… doch…

Was steht drin?

  • Das Füttern von Wölfen soll verboten werden
  • Auch wenn unklar ist welches Individuum einen Nutztierriss verursacht hat, sollen künftig Entscheidungen zum Abschuss erleichtert werden.
  • Freiwillige Mitwirkung von Jagdausübungsberechtigten bei der Entnahme soll geregelt sein.
  • Entnahme von Hybriden durch zuständige Naturschutzbehörde

Fütterungsverbot

Leider ist es dem gesunden Menschenverstand nicht zumutbar, dass selbstverständlich KEINE Wildtiere – schon gar keine Beutegreifer angefüttert werden sollten. Tauben und Enten tut es bekanntlich nicht gut, Wildschweine werden durch diese Gewöhnung an Futter in Menschennähe eine Plage und Gefahr und ebenso auch die Wölfe. Warum neigt der Mensch dazu alles füttern zu müssen…? Man weiß es nicht. Wenn also die Vernunft das nicht klärt, muss es wohl ein Gesetz tun.
Somit wird die Fütterung zur Ordnungswidrigkeit und kann verfolgt werden.
Anmerkung: Allerdings sollte man auch die nicht gezielten Fütterungen – allen voran beispielsweise Luderplätze – überdenken. Zumindest deren Standort sollte so gewählt sein, dass möglicherweise vorbeikommende Wölfe diese nicht mit Menschennähe verknüpfen.

Änderung Bundesnaturschutzgesetz
Änderung Bundesnaturschutzgesetz: Wie sehen die Änderungen im Detail aus?
Foto: Sabine Heymann

Artenschutzrechtliche Ausnahmegenehmigung

Der Gesetzentwurf sieht vor, „dass wenn Schäden bei Nutztierrissen keinem bestimmten Wolf eines Rudels zugeordnet worden sind, der Abschuss einzelner Mitglieder (…) in engem räumlichen und zeitlichen Zusammenhang bei bereits eingetretenen Rissereignissen auch ohne Zuordnung zu einem bestimmten Einzeltier (…)“ möglich sind. So zumindest formuliert in § 45 (2), S. 3 des Gesetzentwurfes. Ergänzt wird dies allerdings im Anhang „Begründung B. Besonderer Teil“ durch den Satz „…dass der Ausnahmegrund erfordert, dass der drohende oder bereits eingetretene Schaden „ernst“ (…) ist.“ In der Gesetzesformulierung ist also von einer „Wiederholungstat“ die Rede. Im Anhang lässt sich die Formulierung „drohender Schaden“ eher präventiv verstehen. Letztendlich wird es im konkreten Fall dann im Ermessen der zuständigen Behörde sein.
Es handelt sich für die streng geschützte Tierart Wolf stets um eine artenschutzrechtliche Ausnahmegenehmigung. Dabei kann die Genehmigung nicht ausschließlich für einen bestimmten riss-verursachenden Wolf gelten, wie oben erwähnt. Grundsätzlich soll aber weiterhin in erster Linie das Tier abgeschossen werden, dass die Schäden verursacht hat. Ist der Abschuss erfolgreich, soll, wenn möglich und eine Vergleichs-DNA vorliegt, ein genetischer Abgleich klären, ob es sich um den Verursacher handelt. Stellen sich die Risse ein, gilt die Ausnahmegenehmigung als genutzt und läuft mit sofortiger Wirkung aus. Werden weiterhin Schäden dokumentiert, kann ein weiterer Wolf geschossen werden. Ein Riss durch Hund oder bloße Nachnutzung durch den Wolf soll dem Entwurf nach mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen sein. Heißt aber: Nutztierriss – es kann sukzessive eine Abschussgenehmigung für sich dort aufhaltende Wölfe ausgesprochen werden. Bislang musste die Tat einem Wolf (genetisch) zugeordnet werden.
Anmerkung: Laut bayerischem Aktionsplan Wolf wird eine Entnahme nur erteilt, wenn Herdenschutzmaßnahmen wiederholt überwunden werden, es Risse in nicht schützbaren Weidegebieten gibt oder Menschen in Gefahr sind. („nicht schützbare Weidegebiete” werden hier im Artikel nicht weiter diskutiert siehe Blogbeitrag) Die Mindestanforderung Herdenschutz in Bayern werden voraussichtlich 90cm Netzhöhe bzw. min. 4 Litzen auf 20, 40, 65, 90 cm; 1 Joule, min. 4000 Volt sein. Die dringlich ausstehende Förderrichtlinie muss nun von Seiten der EU abgesegnet werden. Bislang gibt es sie für Bayern nicht. Allerdings ist sie zwingend notwendig, um letztendlich über erhoffte Sinnhaftigkeit eines Abschusses entscheiden zu können.
Gleiche Entnahmeregelung gilt bei Gefahr für den Menschen (Verletzung durch einen Wolf, Verfolgung oder Aggressivität ohne Provokation).

Beteiligung von Jagdausübungsberechtigten beim Abschuss von Wölfen

Jagdausübungsberechtigte sollen zukünftig bevorzugt bei der Entnahme einbezogen werden. Dies soll für die Jäger freiwillig bleiben. Bislang konnten Wölfe nur von eigens benannten Personen geschossen werden. Sicherlich verfügen Jäger aus der Region über bessere Ortskenntnisse. Ob dadurch auch ein Abschuss leichter wird, bleibt abzuwarten. Zudem müssen sich auch Jäger finden –den gesellschaftlichen/sozialen Druck sollte man da nicht unterschätzen. Dulden muss der Jagdausübungsberechtigte die Entnahme in seinem Revier, selbst wenn er nicht aktiv werden möchte.

Umgang mit Hybriden

Grundsätzlich unterliegen Hybride bis in die 4. Generation dem gleichen Schutzstatus wie der Wolf. In Deutschland traten zwei Fälle (2013, 2017) auf. Nun soll die Entscheidung für eine Entnahmegenehmigung die zuständige Regierungsbehörde treffen. Hybride sollen, auch wenn sie keinen Schaden anrichten, entnommen werden. Bei erwachsenen Tieren wird dies im Regelfall die Tötung sein, da ein Leben in Gefangenschaft für diese Tiere oftmals unerträglich ist.
Mehr über Hybride in Deutschland können Sie hier nachlesen.

Herdenschutz

Änderung Bundesnaturschutzgesetz
Änderung Bundesnaturschutzgesetz: Wie sieht es mit dem Herdenschutz aus?

In der Begründung zur Gesetzesänderung wird mit einem Satz auf die Bedeutung des Herdenschutzes „zur Abwehr von Schäden an Nutztieren“ eingegangen. In der Pressemeldung aus dem BMU heißt es „Voraussetzung bleibt, dass die Weidetierhalter ihre Herden ausreichend schützen. Nur so lernen Wölfe Nutztiere gar nicht erst als leichte Beute kennen. Abgeschossen werden dürfen nur Wölfe, die Herdenschutzzäune mehr als einmal überwinden. Das ist bereits gängige Praxis in den Bundesländern, die in jedem Einzelfall den Abschuss anordnen müssen.“ Siehe: https://www.bmu.de/pressemitteilung/schulze-neuregelung-zum-wolf-ist-vernuenftiger-interessenausgleich-zwischen-artenschutz-und-weidetie/

Änderung Bundesnaturschutzgesetz: Das Bundesnaturschutzgesetz regelt nicht den Herdenschutz. ABER weiterhin müssen alle Register der Naturschutz- und Landwirtschaftsverbände gezogen werden, um Herdenschutz zu fördern und den Erhalt der Weidewirtschaft zu fordern. Die Politik ist hier gefragt Regelungen festzusetzen und dementsprechend zu unterstützen. Herdenschutz ist längst noch nicht etabliert. Hier reden wir nicht von Hochsicherheitsarealen für Weidetiere, sondern von grundsätzlich guter Weidezaunpraxis.
Außen vor ist das Thema Vergrämung, so dass nicht nur durch ausreichende Weidezäune, sondern auch weitere Maßnahmen übergriffige Wölfe vertrieben werden können. Dringend muss auch dies geregelt werden, um Weidetierhaltern eine Möglichkeit zu geben Wölfe, die sie in flagranti erwischen nachdrücklich abzuwehren. Letztendlich dient dies dem Schutz der Weidetiere und der Wölfe.
Wie die Ergänzungen im Bundesnaturschutzgesetz – nach in Kraft treten – dann interpretiert und umgesetzt werden, werden wir alle wohl erst im Fall der Fälle sehen.
Es ist naiv zu glauben Wölfe könnten durch Abschuss daran gehindert werden wieder durch unsere Lande zu streifen oder Weidetiere zu reißen. Dies gilt nur für den getöteten Wolf. „Zur Abwehr von Schäden an Nutztieren ist der Herdenschutz von ausschlaggebender Bedeutung.“ (Begründung A. Allgemeiner Teil „Zielsetzung und Notwendigkeit“) Ein wahrer Satz, dem aber zu Grunde liegen muss, dass Abschuss von Wölfen (zumal präventiv), kein Herdenschutz ist.


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Bayerischer Aktionsplan Wolf – Wo bleibt die Nachgeburt?

Aktionsplan Wolf
Wolfswelpe © Sabine Hamberger

Ein Kommentar von Stefanie Morbach

Zäh war die Geburt des bayerischen „Aktionsplan Wolf“. Sie dauerte viele Jahre. Das hält die beste Mutter und das engagierteste Geburtshelferteam nicht durch.
Leider merkt man das dem Kind nun auch an. Tatsächlich fühlen sich alle Interessenverbände nicht ausreichend involviert und sind mit dem Aktionsplan unzufrieden. (In diesem Punkt sind sich nun alle einig!) Dass die Presswehen losgehen, das hat man gewusst, dass das Kind querliegend entbunden und auf der Welt ist, haben manche erst aus den Medien erfahren.

Nicht, dass die Mitglieder der AG Große Beutegreifer nicht um Ihre Meinung zum Entwurf gefragt worden wären. Einige sind der Aufforderung zur ausführlichen Stellungnahme nachgekommen. Ich mag mich täuschen, doch zwischen Entwurf und veröffentlichtem Papier sind lediglich Schönheitsreparaturen erfolgt. Schade um die investierte Zeit, sich ernsthaft Gedanken zu Anpassungen, kritischen Hinweisen und Fragen zu machen.

Was hat sich geändert? Ursprünglich war der Aktionsplan Wolf als Managementplan 1 und 2 geführt, nun die Neuerung in AKTIONsplan (Managementplan 3). Darf das Hoffnung machen, nun mehr Action aus den Ministerien bei Beratung, Förderung etc. zu erwarten?

Angekündigt sind nun noch die Förderrichtlinie und das Förderprogramm der beiden Ministerien Landwirtschaft und Umwelt. Angekündigt möchte man schreien?! An was sollen sich Nutztierhalter für diese Saison orientieren? Ganz zu schweigen davon, dass sie nicht wissen wie sie das finanzieren können, sollen, dürfen.

Aktionsplan Wolf
Wolf im Wald @ Sabine Hamberger

Wenn das Kind nun schon einen neuen Namen hat, dann hätte die Umbenennung in Managementplan – meinetwegen auch Aktionsplan – „Herdenschutz“, dem Ganzen mehr Rechnung getragen. Ach ja, aber dann hätte natürlich auch der Inhalt ein anderer sein müssen.

In der x-ten Wiederholungsschleife ist zu bemerken: 1% der Wolfsbeute sind Nutztiere. In Bayern waren das vereinzelt kleine und große Wiederkäuer nach Angaben des Landesamts für Umwelt im Jahr 2018 fünf Schafe und drei Kälber.
Noch. Und da liegt doch das eben entbundene Kind – ähh der Hund bzw. der Wolf – begraben. Nicht, dass es nicht für den einzelnen schlimm ist ein oder mehrere gerissene Tiere an den Wolf zu verlieren. Ein Promille in der Gesamtstatistik zu sein, tröstet da wenig. Dennoch: Warum um alles in der Welt wird nicht das was DA ist ausreichend beachtet: Weidetiere.
Die Verantwortung des Nutztierhalters seinen Tieren gegenüber.
Die Verantwortung des Landwirtschaftsministeriums diesen gegenüber, ordentliche Weidewirtschaft betreiben zu können. Die Verantwortung des Umweltministeriums gegenüber dem Artenschutz. Hier kreuzen sich halt die Wege von Offenhaltung durch Beweidung und dem eben auch zu unserer Natur gehörenden Wölfen.

Aktionsplan Wolf: Wo bleibt der Herdenschutz?
Aktionsplan Wolf: Wo bleibt der Herdenschutz?

Gerade wenn man die Pressemitteilung aus dem Umweltministerium liest, könnte man Ausschnittsweise meinen, ein Verbandsvertreter aus der Landwirtschaft hätte sie verfasst.

„Die Weidetierhaltung in Bayern braucht eine klare Zukunftsperspektive.“ Jaaa, Herr Glauber, richtig. Aber die bekommt sie doch nicht mit einem Wolfsmanagementplan! Ganzfurchtbar schnell müssen Sie die Förderrichtlinien herauspressen! Mit sanfter Geburt ist da nichts mehr. Die Richtlinien hätten spätestens mit dem Managementplan als Zwillingsgeburt kommen müssen. Ein Frühchen – zeitlich, nicht inhaltlich – wäre auch gut gewesen!

„…eine Entnahme eines Wolfes…auch ohne vorangegangene Herdenschutzmaßnahmen…“, soll dort erfolgen können, wo der Aufwand unverhältnismäßig (finanziell und emotional, wie es auf S. 43 im Aktionsplan heißt) ist und Wiederholungsgefahr besteht. Bei ungeschützten Tieren besteht natürlich Wiederholungsgefahr. Wär er ja schön blöd, der Wolf, wenn er hier nicht nochmal am Buffet vorbeigehen würde. Leider fehlt die Definition von unverhältnismäßig. Unverhältnismäßig in Sachen Artenschutzbemühungen (eben auch Wolf) oder unverhältnismäßig in Sachen Weidetierhaltung, die im bayerischen Alpenraum auf 8,5% der Fläche stattfindet.
Unverhältnismäßig heißt: Allzu sehr vom normalen Maß abweichend. Das wäre für mich – Achtung sehr subjektiv und damit eine Gefahr auch bei denjenigen in der Weidetierkommission, die das dann entscheiden sollen – exorbitanter Arbeitseinsatz und Kosten für Material, technischer Aufwand, der über die jährlichen Kosten und die Grundeinrichtung bspw. einer Almfläche hinausgehen.

Das LfL hat das doch vor Jahren einmal berechnet. Wie realistisch diese Zahlen sind, mag ich nicht zu beurteilen, aber daran orientiert wäre es dann doch schlüssig: Veranschlagte Kosten LfL minus Kosten die ohne extra Herdenschutzaufwand geleistet werden müssten, ist gleich die Summe, die aus dem Fördertopf der Präventionszahlungen kommen muss. Und was heißt da dann unverhältnismäßig? Wenn die Zusatzkosten für beispielsweise Behirtung, Gesteinsbohrungen für das Zaunpfostensetzen etc. etc. gezahlt werden, ich externe Trupps anstellen kann, dann ist das doch für mich nicht mehr unverhältnismäßig. Alles eine Frage des Geldes.
Noch größer die Unklarheit bei „emotional unverhältnismäßig“. Der eine hält den schlimmsten Splatterfilm aus. Der andere verkrampft, wenn im Disney-Kitsch Rapunzel die Haare abgeschnitten werden.
Welche Psychologen sitzen in der Weidetierkommission, um das zu beurteilen?
Ergo: raus mit den Förderrichtlinien. Sie sollen ja schon gezeugt worden sein. Kursieren nun durch diverse Hände – ich hoffe die richtigen – und werden hoffentlich sehr bald das Licht der Welt erblicken.


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Aktionsplan Wolf Bayern: Unterwegs in den Abgründen des Artenschutzes

Wir müssen das Erbe der Vorkämpfer des Naturschutzes bewahren und dürfen nicht zulassen, dass es Populismus und Wahlkampf geopfert wird. Ein Statement von Claus Obermeier, Vorstand der Gregor Louisoder Umweltstiftung.

Der jetzt von der Staatsregierung vorgestellte Aktionsplan Wolf ist das traurige Ende eines jahrelangen Niederganges des Naturschutzes in der Staatsregierung. Fachlich oft unsinnig, in weiten Teilen offensichtlich rechtwidrig, gespickt mit juristischen Winkelzügen, um den Artenschutz zu schwächen. Im Einzelfall kann ein Abschuss eines Wolfes allerdings notwendig sein – dafür bietet das bestehende Naturschutzgesetz ein umfassendes und seriöses Verfahren.

„Zu dem uns vorliegenden Entwurf zum so genannten Aktionsplan Wolf ist eine seriöse Stellungnahme auf dem NWolfswelpen Bayerniveau der internationalen Debatte zum Wolfsmanagement in vielen Punkten leider nicht möglich. Grund sind die teils absurden fachlichen und rechtlichen Widersprüche innerhalb und zwischen den einzelnen Kapiteln. So steht in der Einleitung, dass Grundlage des Aktionsplanes Wolf die nationalen und internationalen rechtlichen Vorgaben sind, also das Bundesnaturschutzgesetz als unmittelbar und uneingeschränkt geltende Rechtsgrundlage und die Europäische Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie sowie die Berner Konvention als mittelbar geltende internationale Rechtsgrundlagen. Bei vielen relevanten Punkten kommen dann aber Phantasiekonstruktionen (zum Beispiel ein abstrakter Bedrohungsbegriff gegenüber Weidetieren) als möglicher Abschussgrund zum Einsatz – dies ist nach unserer Auffassung offensichtlich rechtwidrig. Das dürfte eher der Arbeitsbeschaffung für Richter dienen als dem Schutz der Weidetiere in Bayern. Damit wird kein einziges Schaf wirksam vor Wolfsübergriffen geschützt, aber mit den zu erwartenden Klagen sicher diverse Juristen gut beschäftigt“. Diese Bilanz zieht Claus Obermeier, Vorstand der Gregor Louisoder Umweltstiftung, die mit dem Projekt Bayern wild seit dem Auftreten des ersten Wolfsnachweises im Jahr 2006 mit den Herausforderungen des Wolfsmanagementes beschäftigt.

Auch in weiteren Kapiteln finden sich auf den ersten Blick rechtlich fragwürdige, möglicherweise sogar illegale Passagen. So wird die mehrtätige völlig unbeaufsichtigte Haltung von Weidetieren als “traditionell” bezeichnet und nicht als nach der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung verboten.

Die bayerische Politik und insbesondere die zuständigen Behörden (Bayerisches Umweltministerium, Bayerisches Landwirtschaftsministerium) waren seit dem ersten Wolfsnachweis im Jahr 2006 und dem Aufbau von Populationen im Alpenraum und Nordosten in der Pflicht, sich auf die Rückkehr des Wolfes umfassend vorzubereiten – wie andere deutsche Bundesländer und unsere Nachbarstaaten auch. Leider sind sie an dieser Aufgabe bisher gescheitert. Dazu hätten schon lange ausreichende personelle und finanzielle Ressourcen flächendeckend bereitgestellt werden müssen, zum Beispiel für die flächendeckende finanzielle Förderung des Herdenschutzes und die flächendeckende qualifizierte Fachberatung von Weidetierhalter und weiteren betroffenen Akteuren. Dazu Claus Obermeier weiter: „Wir erleben hier ein Versagen der amtierenden Staatsregierung auf Kosten von Mensch, Landwirtschaft und Natur in Bayern“.

Wölfe lebten und leben auch heute meistens in Gebieten mit Schaf- und Ziegenhaltung. Dazu wurden über Jahrhunderte bewährte Schutzmaßnahmen entwickelt, die Tierverluste durch Wölfe minimieren. Besonders bewährt haben sich in Mitteleuropa spezielle Herdenschutzhunde, die die Herde aktiv gegen Wölfe verteidigen. Heute stehen mit mobilen Elektrozäunen weitere technische Mittel zur Verfügung, die Übergriffe von Wölfen weitgehend verhindern können. Dies alles kostet Geld und Zeit, daher müssen die schafhaltenden Betriebe umfassend und professionell von den Behörden unterstützt werden, da der Schutz des Wolfes auf der Basis der Gesetze und internationalen Verpflichtungen eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist.

Wölfe konnten schon immer in Ausnahmefällen getötet werden – umfassende rechtliche Regelungen dazu liegen schon lange deutschlandweit vor.

Eine Entnahme (Tötung) einzelner Wölfe ist schon immer möglich gewesen, zum Beispiel, wenn festgestellt wurde, dass fachgerechte Präventionsmaßnahmen im betroffenen Bereich nicht greifen, Weidetiere getötet wurden und daher ein unzumutbarer wirtschaftlicher Schaden für den betroffenen Betrieb droht – ein  seltener Ausnahmefall. Rechtliche Voraussetzung ist, wie es auch das deutsche Artenschutzrecht (§45 Bundesnaturschutzgesetz) vorgibt, eine ausführliche Einzelfallprüfung und Abwägungsentscheidung der verantwortlichen Naturschutzbehörde. Das ist also seit vielen Jahren Konsens, Rechtslage und unstrittig und hat keinen Neuigkeitswert. Auch wir tragen diese gesetzlichen Regelungen mit.

Es droht das Erbe der Berner Konvention geopfert zu werden

Für den Schutz bedrohter, aber in Schutz und Management unbequemer Arten wie die des Wolfes, haben Generationen von Naturschützern, Juristen und Politiker in allen Ländern Europas ihr Leben lang gekämpft haben und waren letzlich mit der Verabschiedung der Berner Konvention 1979 und der späteren Umsetzung im Naturschutzrecht erfolgreich. Sie formuliert als Begründung immer noch treffend, “dass wildlebende Pflanzen und Tiere ein Naturerbe von ästhetischem, wissenschaftlichem, kulturellem, erholungsbezogenen, wirtschaftlichem und ideellem Wert darstellen, das erhalten und an künftige Generationen weitergegeben werden muss”. Wir dürfen nicht zulassen, dass dies jetzt ausgerechnet in einem der reichsten Ländern der Welt geopfert wird. So wird der Wolf wieder in eine Rolle gedrängt, die er auch früher schon mal hatte – als Symbol für verschiedene Werte, als Lackmustest für die Ernsthaftigkeit von Naturschutzparolen. Wir wollten im Gegensatz dazu immer eine sachliche und ausgewogene Diskussion und ein Wolfsmanagement, bei dem neben dem Schutz des Wolfes auch die berechtigten Bedürfnisse der Weidetierhalter berücksichtigt werden. Wir werden aber auch nicht das Erbe von drei Generationen Naturschutz kampflos aufgeben.

Rechtsgutachten zum bayerischen Aktionsplan Wolf von Prof. Dr. Köck jetzt hier als PDF herunterladen

 


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Film “Auf der Jagd” – wem gehört die Natur wirklich?

Beeindruckende Szenen und erfreulich unideologische Betrachtung der Jagd, aber in der zentralen Eingangsfrage auf der falschen Fährte…

Ein Kommentar vor Claus Obermeier

Auf der Jagd – der Film

Auf der Jagd – wem gehört die Natur?

Ein beeindruckender Film, der viele Fragen rund um die Jagd, das Töten von Tieren für den menschlichen Verzehr und den Konflikt Wald-Forst-Schalenwild hervorragend filmisch bearbeitet und daher absolut sehenswert. Mit beeindruckenden Tieraufnahmen, Jagdszenen von traditionellen Jägern, modernen Jägern und dem Wolf sowie interessanten Statements ganz unterschiedlicher Akteure vom Forstbetriebsleiter bis zum Wolfsbeauftragten. Viele  kommen aus Bayern, bei den zentralen Fragen werden Beispiele aus dem Bayerischen Bergwald eingespielt. Ein Film, der  die Lanze für eine ausgewogenene Betrachtung von Jagd und Jägern bricht. Aber leider führt er bei den zentralen Fragen der Ankündigung (Wem gehört die Natur? Den Tieren? Den Menschen? Oder sollte sie einfach sich selbst überlassen sein? Und gibt es sie überhaupt noch, die unberührte Natur?)  in die Irre und blendet in teilweise naiver Weise fast alles aus, was in den letzten 100 Jahren dazu geforscht, geschrieben und an Fortschritten erkämpft wurde..

Die Beantwortung dieser Fragen wird angekündigt, aber leider nicht einmal ansatzweise eingelöst. Gerade zu diesen spannenden Themen bleibt der Film bei Parolen stecken, wo seit Jahrzehnten die ökologische Forschung und diverse Naturschutzkonzepte Antworten geliefert haben – sowohl auf der wissenschaftlichen Ebene als auch anwendungsorientiert zum Management von Zielkonflikten in der Landnutzung bzw. zwischen Landnutzung und Wildtierschutz. So ist (weltweit) vielen Akteuren klar, dass in einer offenen demokratischen Gesellschaft diese Fragen mit teils weitreichenden Eingriffen in Eigentumsrechte nur in Grosschutzgebieten mit entsprechender Verordnung geklärt werden können, so zum Beispiel mit der die Beschränkung der maximalen forstlichen Nutzung in manchen Bereichen sowie mit der Einrichtung grosser Wildnisgebiete zugunsten des Wildtierschutzes im Staatswald. Klar ist aber auch, dass in anderen Bereichen großflächig eine effektive Forstwirtschaft möglich sein muss, um unseren Bedarf nach diesem nachhaltigen Rohstoff regional zu decken.

Dass die praktische Lösung bei besonders anspruchsvollen Themen wie dem Rotwild im Bergwald nicht einfach ist, sondern gut durchdachte und mit Elan umgesetzte großräumige Konzepte erfordert, wird zwar gestreift, aber eben nicht ausreichend dargestellt und führt daher zu einer unsinnigen Polarisierung.

Elch in Tschechien März 2014

Wild lebender Elch im Bayerischen Wald. Elch und Rothirsch können in Nutzwäldern hohe wirtschaftliche Schäden verursachen, indem sie die Triebe junger Bäume fressen oder die Rinde schälen. Alka Wildlife, Trans Lynx.

Statt also als Antworten auf die Eingangsfragen kompetente und ambitionierte Naturschutzkonzepte für den Staatswald und auch private Forste einzufordern, führt er die nicht weiter belegte Parole ein, dass mit der Erreichung des sogenannten Anthropozäns es keine “echte” Natur mehr gäbe, sondern nur vom Menschen gesteuerte Systeme. Dazu blendet der Film zum zentralen Thema des Naturverständnisses des modernen Menschen fast alles aus, was in den letzten Jahrzehnten dazu im Zusammenhang mit der Wildnisdebatte an praktischen und ethischen Konzepten sowie philosophischen Betrachtungen geschrieben und diskutiert wurde, und versucht sie durch allgemeine extreme Parolen zu ersetzen.

Als Erstsemesterstudent im Studiengang Landschaftsökologie wurde mir vor vielen Jahren das schon damals ziemlich alte Büchlein “Ökologische Grundlagen des Umweltschutzes” von Prof. Wolfgang Haber empfohlen, das auf entsprechende Veröffentlichung aus des 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts zurückgeht. Dort und in seinen umfassenden Veröffentlichungen zu Zielkonflikten in der angewandten Landschaftsökologie sowie aktuellen Studien zur großräumigen Interaktion von Wald, Schalenwild und großen Beutegreifern  aus dem Nationalpark Bayerischer Wald finden sich zum Beispiel die Grundlagen, um Antworten auf fachlich seriöser Weise zu den im Film dargestellten Konfliktlinien finden zu können. Denn diesen Anspruch sollten wir als moderne, in einer demokratischen offenen Gesellschaft arbeitenden Naturschützer haben.

Claus Obermeier ist Vorstand der Gregor Louisoder Umweltstiftung und vertritt sie auch im Netzwerk “Wildnis in Deutschland”.

Infos zum Film: http://www.wemgehoertdienatur.de 


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Kinderbuchvorstellung “Hallo Zweibeiner”

von Franziska Baur

Im heutigen Blogbeitrag möchten wir ein besonderes Kinderbuch über Wölfe vorstellen: Hallo Zweibeiner – Kleiner Wolf erzählt aus seinem Leben von Rena Henke.Hallo Zweibeiner

Kleiner Wolf ist ein Welpe. Er lebt mit seiner Wolfsfamilie in Norddeutschland, und wie jedes Menschenkind, so macht auch ein Wolfsjunges mal Blödsinn oder tut Dinge, die es nicht darf! Dann muss Kleiner Wolf in der Höhle bleiben und einen Aufsatz schreiben. Das kann er so gut! Schließlich sagte seine Mama: „Mein Junges, du bist die Stimme unseres Rudels. Schreib Briefe an die Menschen, erzähl ihnen von uns, und wie wir leben.“ Dann überlegte sie einen Moment und fügte hinzu: „Weißt du, schreib deine Briefe an die kleinen Zweibeiner, die Kinder, ich glaube, die verstehen dich gut.“

Die Autorin Rena Henke fuhr als Nautikerin lange zur See, ist aber auch gelernte Redakteurin, Autorin und Sprecherin von Hörbüchern.

Wir können dieses Kinderbuch nur empfehlen, denn es ermöglicht den Kleinen ein natürliches, unvoreingenommenes Verständnis für Wölfe. Diese kindgerechte Publikation füllt eine wenig beachtete Nische in der Wolfsliteratur. Die alte Mär vom “bösen Wolf” kann so schnell vergessen werden, ohne den Wolf zum Kuscheltier zu verharmlosen.


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